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Ein Olympiastadion als Nationalstadion? – Ein perfider Gedanke

von Gerd Graus [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

Hubert Nienhoff hat seine großen Verdienste als Architekt. Er war mit seinem Büro Gerkan, Marg und Partner verantwortlich für den Umbau des Berliner Olympiastadions zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Mit viel Augenmaß und Feingefühl sind die Architekten und Planer die in vielerlei Hinsicht schwierige Aufgabe angegangen und haben es tatsächlich geschafft, das Stadion zu modernisieren und dennoch der Stellung des Bauwerks in seinem historischen Umfeld gerecht zu werden. Dazu gehörte der Erhalt der Sichtachsen und der dadurch notwendige Verzichte des Ringschlusses bei der Dachkonstruktion zum Nachteil der Zuschauer, von denen einige bei Regen nun noch immer leidvoll erfahren müssen, dass sie eben in einem Stadion sitzen, ebenso dazu, wie der Erhalt der Laufbahn, auch wenn diese nun in Blau zu einem Wahrzeichen des Berliner Sports geworden ist – und sich Nachahmer auf der ganzen Welt fanden.

Das Stadion selbst blieb Gegenstand vieler Diskussionen, heute ebenso wie vor dem Umbau. Seit Hertha BSC den Bau eines neuen Stadions fordert, um die Bedürfnisse des modernen Fußballs in einer reinen Fußballarena profitabler bedienen zu können, werden immer wieder Argumente ausgetauscht, wie das Stadion verändert werden könnte.

Hubert Nienhoff und seine Kollegen schlagen nunmehr neuerlich vor, das Stadion in ein reines Fußballstadion umzubauen. In einem Artikel auf t-online sagt Hans Joachim Paap: „Wenn man das Olympiastadion zum reinen Fußballstadion umgestalten würde, ohne dabei das historische Rund anzutasten, dann hätte die komplette Modernisierung seit der Zusage für die WM 2006 weniger als die Hälfte dessen gekosten, was der Neubau des Wembley Stadium in England gekostet hat.“ Hubert Nienhoff ergänzt: „Bevor es komplett brach liegt, warum nutzen wir es nicht endlich als Nationalstadion.“

Wie perfide! Ein Stadion, das Schauplatz Olympischer Spiele, also der Begegnung von Menschen aus aller Nationen, und Bühne für viele unterschiedliche Sportarten sein soll, als Heimstatt für eine einzige Sportart und dann als Nationalstadion, auf einem Gelände, auf dem der Sport von Nationalsozialisten missbraucht wurde? Ein Gedanke, der nur dann nachvollziehbar ist, wenn man rein kommerziell und nicht in sportlicher Tradition denkt.

Die Forderung von Hertha BSC nach einem reinen Fußballstadion dagegen ist durchaus nachvollziehbar. Trotz des Umbaus ist das Olympiastadion bei aller Anstrengung der Olympiastadion GmbH, die es trotz widriger Umstände schafft, immer wieder den Status als Top-Stadion zu erhalten, keine Arena, die ein auf größtmögliche Rentabilität schielendes Unternehmen, wie es Hertha BSC ist, sich wünscht. Geringere Betriebskosten, kürzere Wege, weniger Personalanforderungen, bessere Vermarktbarkeit – ein Neubau brächte viele Vorteile mit sich.

Aber das Olympiastadion dem Fußball opfern? Das käme einer Kapitulation gleich – der offensichtlichen Hinnahme, dass kein Sport außer Fußball es wert ist, respektiert zu werden. Die Krise, die der Sport aufgrund der Pandemie durchstehen muss, hat die Sonderstellung des Profifußballs ohnehin schon offenbart.

Ein reines Fußballstadion auf dem Gelände des Olympiaparks neben dem historischen Stadion aber ergäbe durchaus Sinn. In vielerlei Hinsicht. Für Hertha BSC ohnehin. Aber auch für Fußball-Fans und alle Sport-Fans, die dem Olympiastadion eine wichtige Rolle als Ort der Sporthistorie zugestehen, und die den Sport so verstehen, dass er mehr beinhaltet als nur Fußball.

Hertha BSC könnte sich durch die Zuschauereinnahmen am Erhalt und Betrieb des Olympiastadions beteiligen. Zudem könnte der Verein seine Nachwuchsabteilung und Amateurabteilung auslagern; ein modernes Nachwuchsleistungszentrum auf einem Gelände bauen, das bebaubar wäre – vielleicht dort, wo manch ein Politiker aus Berlin gerne ein Stadion bauen würde, ohne dort eine gute Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr gewährleisten zu können.

Hertha BSC würde Platz frei geben, wenn die Fußballfelder auf dem Gelände des Olympiaparks umgewandelt werden könnten in ein Gelände, das Raum für die sportliche Betätigung aller Berliner und Berlinerinnen bieten kann. Es ist beschlossen, den Olympiapark attraktiver zu gestalten. Und die Planer, die diese Umgestaltung angegangen sind, denken progressiv und modern, was die Entwicklung des Sports angeht.

Und doch könnte noch ein Schritt weiter gegangen werden. Im Gegenzug für die Genehmigung des Neubaus finanziert Hertha die Umgestaltung des Parkes mit. Das gesamte Gelände könnte zu einer Blaupause werden für einen Sportraum in einem urbanen Lebensraum, der unter den Gesichtspunkten ökologischer Notwendigkeiten in Bezug auf Bauen und Mobilität in Großstädten geplant wird. Manchmal kann so etwas sogar schnell gehen.

Und mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sich im Dialog mit den Bewohnern der Siedlung am Olympiapark eine Lösung finden lassen. Im Dialog wohlgemerkt; der lässt unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu.

Die Vorstellung eines Olympiastadions auf dem Gelände der Spiele von 1936 in Berlin als ein Fußball-Nationalstadion ist nicht nach jedermanns Geschmack. Aber, sie kann Diskussionen anregen. Notwendige Diskussionen.

Fotos: picture alliance / Bildagentur-online/Schöning

Gerd Graus ist redaktioneller Berater des Olympischen Feuers. Der ehemalige Sprecher der Olympiamannschaft und Leiter Medien des DOSB hat das “neue” Olympische Feuer mit entwickelt. Das Olympiastadion Berlin war für ihn Arbeitsplatz als Pressesprecher von Hertha BSC und Kommunikationschef im Organisationskomitee der Fußball-WM 2006.

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