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Präsidentin im Fußball-Verband? Gaby Papenburg: „Die Zeit für einen Neuanfang ist überreif“  

von Birgit Hasselbusch [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT | MENSCHEN]

Olympisches Feuer: DFB-Präsident Fritz Keller meinte mal: „Wir brauchen mehr Frauen im Fußball, weil grauhaarige Funktionäre vielleicht immer dasselbe denken und manchmal zu schnell die Ellenbogen ausfahren.“ Hat er Ihnen schon zu Ihrer Kandidatur gratuliert?

Gaby Papenburg: Gewissermaßen ja. In einem Live Zoom Call mit einem Frauennetzwerk habe ich ihn das erste Mal gesehen. Er sagte, dass er großen Respekt vor der Aufgabe habe und es großartig finde. Wortwörtlich sagte er: „Sie können ein Leuchtturm sein.“ Das ist ja schon mal eine Aussage. Ich war mir nicht sicher, ob das eine große Verpflichtung ist, ich sehe es positiv. Dem Berliner Fußballverband möchte ich eine gewisse Strahlkraft bieten.

Olympisches Feuer: Welche Veränderungen streben Sie an?

Gaby Papenburg: Verbände haben ja nicht den Ruf, super moderne, wirtschaftlich-funktionierende Unternehmen zu sein, bei denen es Spaß macht, mitzuarbeiten. Der Ruf wird durch den DFB auf allerhöchster Ebene gerade wieder massiv beschädigt. Ich habe mal gesagt, es ist ein Trauerspiel, und das ist noch untertrieben. Der chaotischste Punkt ist die mangelnde Fähigkeit, aufeinander zuzugehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie gemeinsam etwas bewirken wollen, jeder stellt nur sein Ego in den Vordergrund und man bekriegt sich. Wenn ich in einem Präsidium mit Menschen zusammen arbeite, dann sollte das auf Augenhöhe geschehen und mit dem nötigen Respekt.

Olympisches Feuer: Die Kommunikation beim BFV sehen Sie als größtes Manko. Haben Sie mit dem aktuellen Präsidenten Bernd Schultz schon direkt gesprochen?

Gaby Papenburg: Nach der Kandidatur noch nicht. Nur im Vorfeld, im Rahmen des Projektes Future BFV. Da waren wir gemeinsam in einer Zukunfts-Werkstatt. Bernd Schultz erwartet, dass ich auf ihn zugehe. Solange ich aber nicht erkennen kann, dass er an meinen Themen interessiert und bereit zum Austausch ist, warum sollte ich das tun? Für mich ist das ein patriarchalisches, hierarchisches Kommunikationsverhalten. Deswegen kommt auch eine Doppelspitze für mich nicht in Frage.

Olympisches Feuer: Haben Sie denn in der Zukunfts-Werkstatt Pläne gefunden, die Sie als Präsidentin umsetzen wollen würden?

Gaby Papenburg: Es ist ein Projekt, das aus dem Wunsch der Vereine entstanden ist. Am letzten Verbandstag wurde das entwickelt. Der Verband ist dazu angehalten, das Projekt umzusetzen. Es finden sich viele gute Ideen zur Infrastruktur, Professionalisierung oder alternativen Finanzierungsmodellen.

Olympisches Feuer: Sie haben sich einige Frauen als Unterstützerinnen auf Ihrer eigens eingerichteten Website aufgelistet, die nicht aus Berlin kommen und auch nicht in Berlin beheimatet sind. Beispielsweise Katja Kraus, Ex-Vorstandsmitglied beim HSV. Und auch einige Frauen aus der Medienszene. Wie kam es dazu ?

Gaby Papenburg: Meine Ex-Kollegin Claudia Neumann fand die Kandidatur super. Sie hat mich für ihre Reportage über Frauen im Fußball interviewt. Thema: Geschlechtergerechtigkeit in der Branche. Da kommen auch Katja Kraus, Sarah Schwedler, die Aufsichtsratsvorsitzende vom FC St. Pauli, und Helen Breit, Vorsitzende der Faninitiative „Unsere Kurve“, zu Wort, auch Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Aus der Arbeit mit diesen Frauen hat sich eine Art neues Netzwerk ergeben. Ich stehe für den Bereich Gremien, aber wir möchten auch z.B. das Thema Schiedsrichterwesen und Management abbilden. Eine Forderung ist ein paritätisches Verhältnis im Management von Profivereinen. Dort findet sich ja keine einzige Frau. Katja Kraus war die Erste und bisher Einzige, das ist aber ein paar Jahre her. Seitdem ist in dem Bereich nichts passiert.

Olympisches Feuer: Der Gleichstellungsbericht des DFB sagt, dass es im Hauptamt immer mehr Frauen gibt. Im Präsidium gibt es aber weiter nur eine: Hannelore Ratzeburg. Sehen Sie sich als deren „Tochter im Geiste“?

Gaby Papenburg: Sie bekleidet den Posten schon so lange, das ist absolut ehrenwert. Aber leider ist sie dort wenig bis gar nicht sichtbar. Sie konnte niemanden nachziehen. Ich arbeite ja auch als Medientrainerin und Businesscoach, habe es quasi gelernt, mich sichtbar zu machen. Ich habe zwar gute Voraussetzungen, das reicht aber nicht: Wir müssen mehr werden!

Olympisches Feuer: Es ist als Revolution bezeichnet worden, dass sich eine Frau auf den Posten bewirbt. Ist das wie damals bei ran, als Sie die erste Frau waren, die eine komplette Fußball-Sendung moderiert hat?

Gaby Papenburg: Bei ran habe ich das überhaupt nicht gesehen, bin komplett unbedarft rangegangen. Das Frauenthema hat sich als letztes gestellt. Es war eklatant, als ich gemerkt habe, dass ich bei Fehlern anders bewertet werde als männliche Kollegen. Heute weiß ich, ich habe eine Vorbildfunktion und die Verpflichtung, das nach außen zu tragen, den Weg zu bereiten für die junge Generation.

Olympisches Feuer: Jedes siebte Mitglied im DFB ist eine Frau. Es geht auch darum, mehr Frauen zu gewinnen – nicht nur für die Vereine, sondern auch für die Gremien. Sie selbst sind erst kürzlich in Berlin in einen Verein eingetreten.

Gaby Papenburg: „Polar-Pinguin“ heißt mein Verein. Relativ neu, jung und extrem fortschrittlich. Da gibt es im Vorstand schon die Parität. Auch weitere Frauen, die sichtbar auf vielen Eben mitarbeiten. Das hat mir gefallen. Es hieß ja, ich müsse in einen Verein eintreten, um kandidieren zu können. Das stimmt so gar nicht. Es ist nicht in der Satzung vorgesehen. Das ist eine der Geschichten, die sich hartnäckig halten, nach dem Motto: Möglichst über den Kassenwart nach oben arbeiten. Das ist etwas, was mir häufig entgegengehalten wird: „Sie hat ja gar keinen Stallgeruch.“ In einem Verein war ich davor nur einmal, als Jugendliche im Schwimmverein, ich war Leistungsschwimmerin.

Olympisches Feuer: Ist Ihre Kandidatur also ein Signal allgemein für mehr Frauen in Sport-Führungspositionen?

Gaby Papenburg: Das hoffe ich sehr. Die Diskussion hatte ich mit Claudia Neumann, der Pionierin auf dem Gebiet der Fußballkommentator:innen. Sie musste massiv kämpfen, als sie das erste Mal Länderspiele kommentiert hat. Dabei wollte sie, genau wie ich, nur ihren Job machen. Einfach in Frieden arbeiten. Jetzt stellen wir fest, es hat sich nicht viel getan, deswegen ist es an der Zeit, unsere Erfahrung in den Vordergrund zu stellen.

Olympisches Feuer: Könnten Sie sich auch vorstellen, eine Position im DOSB zu übernehmen?

Gaby Papenburg: Der DOSB ist für mich zur Zeit kein Thema. Ich möchte die erste Präsidentin des BFV werden. Das schließt nicht aus, dass nicht auch Top-Führungsaufgaben in anderen Sportorganisationen für mich vorstellbar sind. Katja Kraus hat neulich gesagt: „Du wirst jetzt erst mal Präsidentin beim BFV. Sollte das nicht klappen, gehen wir gleich zum DFB.“ Meine Antwort: „Okay, aber sehr gerne als Doppelspitze mit dir.“ Grundsätzlich würde ich eine Frau an der Spitze des DFB begrüßen. Die Zeit ist überreif für einen Neuanfang.

Fotos: picture alliance | Beitragsfoto: Eventpress Henry H. Herrmann | Textfoto :  Geisler-Fotopress | gbrci/Geisler-Fotopress

Das Interview wurde geführt von Birgit Hasselbusch. Sie ist Kommentatorin bei Eurosport, hat für Euronews in Lyon gearbeitet und für Radio Plus Monte Carlo die Fußball-Bundesliga moderiert, genau so wie für den NDR in ihrer Heimatstadt Hamburg. Dort gehört sie auch zum Team der Medienmannschaft und schreibt Bücher für Erwachsene und Jugendliche, unter anderem eine Sportkrimi-Reihe.

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