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„Wir alle haben doch Vorurteile verinnerlicht“

Diskriminierung durch Sprache: Auch im Sport, vor allem im Fußball, ein allgegenwärtiges Problem. Es geht um viel mehr als verbale Ausrutscher. Die Online-Plattform SprachKick, ein gemeinsames Projekt des DFB, der Aktion Mensch und der Fachberatungsstelle KickIn!, wirkt dem entgegen, klärt auf, sensibilisiert und setzt sich für mehr Inklusion im Fußball ein. Geleitet wird das Projekt von Daniela Wurbs (42), die seit 2017 für die BundesBehindertenFanArbeitsgemeinschaft (BBAG) tätig ist. Wir sprachen mit ihr.

Von Andreas Hardt [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

 

„Was für ein schwuler Pass!“, „Schiri – du blinde Sau!“, „der Schwarze ist ein übler Treter!“ – auf Stadiontribünen und in Kurven geht es nicht immer zimperlich zu, teilweise ist die Sprache klar diskriminierend. Sport lebt von Emotionen und in Momenten von Frust und Freude gehen dem einen oder anderen schon mal die verbalen Pferde durch. Das hat der Fußball nicht exklusiv, doch tritt das Problem hier am deutlichsten und am schrillsten zum Vorschein. „Niemand ist perfekt. Wir alle sagen manchmal Dinge, mit denen wir andere ungewollt vor den Kopf stoßen. Wichtig ist, dass wir versuchen, uns damit auseinanderzusetzen und voneinander zu lernen“, sagt Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.

Dabei soll die Online-Plattform SprachKick helfen, die ein gemeinsames Projekt des DFB, der Aktion Mensch und der Fachberatungsstelle KickIn! ist, die sich für mehr Inklusion im Fußball einsetzt. Die DFL unterstützt das Projekt ebenfalls finanziell und hat sich auch inhaltlich am Entstehungsprozess beteiligt. Projektleiterin ist die Hamburgerin Daniela Wurbs (42), die seit 2017 für die BundesBehindertenFanArbeitsgemeinschaft (BBAG)  tätig ist und dort KickIn leitet.

 

Olympisches Feuer: Frau Wurbs, wie ist die Idee zu SprachKick entstanden?

Daniela Wurbs: Unser Ansatz bei KickIn ist, den Fußball nachhaltig inklusiv zu gestalten, sodass Teilhabe für alle möglich wird, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter oder Behinderung. Wir beraten Fangruppen und Vereine zu diesen Themen. Dabei sind wir immer wieder darauf gestoßen worden, dass viele Menschen unsicher sind, wie sie bestimmte Personenkreise oder Merkmale benennen sollten. Diskriminierende Sprache kann auch oft aus Nichtwissen heraus geschehen.

 

Olympisches Feuer: Oder nicht Nachdenken?

Daniela Wurbs: Wir alle haben doch Vorurteile verinnerlicht.  Ich glaube, manchmal ist es sogar gefährlich zu glauben, man sei besonders tolerant und antidiskriminierend. Die Frage ist vielmehr, wie sehr ist uns bewusst, dass Vielfalt auch dadurch verhindert wird, dass wir Menschen in Gruppen einordnen und nicht selten pauschal beurteilen – „die“ Muslime sind so, „die“ Sinti und Roma, „die“ Homosexuellen, „die“ Menschen mit Behinderung und so weiter. Darüber sollten wir aus meiner Sicht unbedingt mehr nachdenken. Wenn der „schwule Pass“ kommt, sollte ich für mich reflektieren, was dahintersteckt. Welche Menschen und Personenkreise wertet das womöglich ab und verletzt das und warum?

 

Olympisches Feuer: Aber Beleidigungen in den Kurven sind doch Absicht?

Daniela Wurbs: Es gibt natürlich Fälle, wo absichtlich rassistische und beleidigende Sprache benutzt wird. Da dürfen wir weder drumherum reden, noch diese Fälle verharmlosen, ganz klar. Was uns aber auf vielen Ebenen eben auch immer wieder begegnet ist eine große Verunsicherung, welche Begriffe denn jetzt richtig sind. Darf ich noch „farbig“ sagen oder ist „Schwarz“ das bessere Wort? Darf ich noch „Mensch mit Handicap“ sagen oder wäre “Mensch mit Behinderung besser?

 

Olympisches Feuer: Haben Sie weitere Beispiele?

Daniela Wurbs: „Farbig“ ist ein Begriff aus der Kolonialzeit, das ist eine abwertende Fremdbezeichnung von Weißen. People of Color – kurz PoC – oder Schwarz ist demgegenüber die gewünschte Selbstbezeichnung. Ähnlich ist es bspw. mit „Tickets für Sozial Schwache“ – „sozial schwach“ wird von der Deutschen Armutskonferenz als „soziales Unwort“ eingeordnet und gilt als diskriminierend. Die so bezeichneten Menschen haben keine mangelnden sozialen Fähigkeiten, sie sind einfach materiell arm. Es ist immer eine gute Idee, sich darüber zu informieren, wie die jeweiligen Personenkreise selbst benannt werden wollen. Rassistische oder anderweitig als diskriminierend geltende Begrifflichkeiten sind eigentlich fast immer Fremdbezeichnungen.

 

Daniela Würbs sagt: “Sprachpolizei wollen wir nicht sein.” (Foto: KickIN)

 

Olympisches Feuer: Spiegelt nicht das Verhalten in den Fankurven ein gesamtgesellschaftliches Problem wider? Ist der Ton nicht insgesamt rauher geworden und beleidigender?

Daniela Wurbs: Es gibt immer eine Wechselwirkung zwischen Fußball und Gesellschaft, klar. Der Fußball hat aber eine so große Breitenwirksamkeit und mediale Sichtbarkeit, dass Vereine mit ihrer Reichweite und Sprache eine potenziell sehr prägende Wirkung auf ihre Zielgruppen auch über den Fußball hinaus haben. Das kann im Positiven wie Negativen dazu führen, dass manche Begrifflichkeiten etablierter werden als andere. Tatsächlich positionieren sich zahlreiche Vereine und Fangruppen auch immer wieder öffentlich klar gegen Diskriminierung. Genauso gibt es aber auch immer wieder Berichte über diskriminierende Äußerungen, auch von Funktionär*innen.

 

Olympisches Feuer: Das heißt?

Daniela Wurbs: Wenn mehr Vereine, Offizielle und Fanorganisationen mit gutem Beispiel vorangehen und vielfaltssensibler als heute kommunizieren würden, wäre schon ganz viel gewonnen. Das kann vor allem auch eine nicht unerhebliche inklusive Wirkung auf von Diskriminierung betroffene Menschen entfalten, die sich dann auch lieber im Fußball wiederfinden und willkommener fühlen, einfach weil sie merken, die Vereine und Menschen dort werten mich nicht direkt oder indirekt ab, zum Beispiel über diskriminierende Gesänge, sondern denken mich mit und beziehen mich wertschätzend mit ein. Klar ist auch: mit diskriminierungssensiblerer Sprache allein ist es nicht getan – aber es ist ein wichtiger Anfang, wenn der Fußball Vorbild für eine inklusive Gesellschaft werden will.

 

Olympisches Feuer: Was können Vereine tun, um eine größere Sensibilität bei den eigenen Anhängern zu schaffen?

Daniela Wurbs: Der erste Ansatz wäre, zunächst das eigene Sprachverhalten als Verein zu reflektieren und zu gucken, wie weit gehen wir eigentlich selbst mit gutem Beispiel voran? Dazu könnten sie sich nun SprachKick als Orientierungshilfe nehmen. Das andere ist die Frage, wie kann ich als Verein Fans dafür sensibilisieren. Ich würde nicht vermuten, dass ein Mensch, der aus ideologischer Überzeugung diskriminierende Begriffe nutzt, auf die Seite SprachKick guckt und sagt – oh, wusste ich nicht, jetzt mache ich das alles ganz anders. Uns geht es eher um die Stärkung der oft schweigenden oder unsicheren Mehrheit. Wie kann ich glaubhaft und mit offiziellen Quellen belegen, dass ich einen diskriminierenden Begriff gehört habe? Nicht immer sind diskriminerende Begriffe als solche klar und Konsens. Es kann auch sein, dass ich meine Freund*innen im Stadion darauf aufmerksam machen will, welches der bessere Begriff zu dem eben genutzten wäre, mit dem niemand verletzt werden würde. SprachKick will für diese Fälle eine Unterstützung und Argumentationshilfe sein.

 

Olympisches Feuer: Wie kommt die Website denn bislang an?

Daniela Wurbs: Wir sind sehr positiv gestimmt, was die Klickzahlen betrifft. Im ersten Monat seit dem Launch am 5. April hatten wir schon 40.000 Zugriffe.  Wir merken, dass die Seite viel von Multiplikator*innen genutzt wird, die im Sport unterwegs sind, aber auch von Vereinsverantwortlichen aus dem Bereich Kommunikation. Das ist eine der Haupt-Zielgruppen, die wir mit dem Projekt erreichen wollten. Ich habe auch von befreundeten Bloggern und Bloggerinnen von verschiedenen Vereinen gehört, dass die da immer wieder mal drauf gucken und sich Hilfe holen. Da passiert schon was. Unsere künftige Herausforderung wird, die Seite am Leben und weiter bekannt zu halten.

 

Olympisches Feuer: Sie haben auf der Website vier Bereiche definiert, aus denen diskriminierende Sprache überwiegend entlehnt wird: Ethnische Herkunft und Religion, Geschlecht und sexuelle Orientierung, Behinderung und Alter sowie soziale Herkunft und Status.

Daniela Wurbs: Zum Einen gelten diese Bereiche als gesellschaftlich und rechtlich besonders geschützte  Persönlicheitsmerkmale, aufgrund derer eben auch nicht diskriminiert werden darf. Deshalb haben uns auf diese konzentriert.  Zum Anderen haben wir beim Entstehen von SprachKick festgestellt, dass es Bereiche im Zusammenhang mit diskriminierender Sprache gibt, die in der Öffentlichkeit schon sehr viel länger und breiter diskutiert werden und eher Konsens sind.  Zum Beispiel ist heutzutage wohl allen Zuschauer*innen klar, dass das N-Wort rassistisch ist. Dagegen stellen wir fest, dass im Stadion behindertenfeindliche Sprache heutzutage noch sehr viel verbreiteter ist. Behindertenfeindliche Ausdrücke wie „Spasti“, „behinderter Pass“ und Ähnliches gelten vielerorts leider nach wie vor als „normal“. Sind aber gleichermaßen diskriminierend für die Betroffenen.

 

Olympisches Feuer: Ist das nicht ein wenig wie eine „Sprachpolizei“? Wer legt fest, was geht und was nicht?

Daniela Wurbs: Wir wollen eben keine Sprachpolizei sein. Vor allem haben wir das alles nicht erfunden. Wir wollen mit SprachKick vor allem Hilfestellung und Hinweise geben, wie im Fußball vielfaltssensibler gesprochen werden kann. Wir geben auf der Seite deshalb auch Hinweise zu weiteren Expert*innen und Organisationen Betroffenen von Diskriminierung außerhalb des Fußballs, die sich mit diesen Themen schon lange beschäftigen. Die haben wir auch im Entstehungsprozess zu SprachKick konsultiert. Wir haben uns aber auch Expertise von innerhalb des Fußballs reingeholt und Inhalte mit Interessensvertretungen dort abgestimmt. Zum Beispiel mit dem Netzwerk schwul-lesbischer Fanclubs QFF oder vom Netzwerk F_in Frauen im Fußball. Und natürlich mit unserer Trägerorganisation als Bundesverband von Fans mit Behinderung im Fußball (BBAG). Wir wollen die Seite auch immer weiter entwickeln und freuen uns deshalb auch immer über Anregungen, welche Begriffe und weiterführenden Infos noch aufgenommen werden sollten.

 

Olympisches Feuer: Geht die Unterstützung dieses Themas bei DFB und DFL über das finanzielle Engagement hinaus?

Daniela Wurbs: Definitiv Ja. Zum einen waren DFB und DFL über ein Jahr lang auch Teil der Projektsteuerungsgruppe damit aktiv am inhaltlichen Entstehungsprozess von SprachKick beteiligt. Zudem haben wir nun Seminare und Workshops für Fachkreise aus dem Fußball gestartet. Wir wollen ja Angestellte der Vereine, Fans und auch Fanprojekte erreichen. Mitte Mai fand beispielsweise der DFB-DFL Fachtag für Antidiskriminierung statt. Dort haben wir einen Workshop zu diversitätsbewusster Kommunikation umgesetzt. Wir haben darüber hinaus aber auch Workshopkonzepte für Sprachkick entwickelt, die man einfach vor Ort oder als Online-Format buchen kann. Dazu gab es auch schon einige Anfragen. Die Nachfrage ist da, und wir sind zuversichtlich, dass sie noch weiter steigen wird. Wir merken, dass das Thema die Menschen im Fußball sehr interessiert und das ist toll und wichtig.

 

Andreas Hardt (62) arbeitet nach über zwanzig Jahren als Redakteur beim sid und dapd seit 2013 als freier Journalist in Hamburg. Einer seiner Schwerpunkte ist der Paralympische- und Behindertensport, daneben berichtet er über Golf, Fußball und diverse „bunte“ Themen, die die große, aber oft vernachlässigte Vielfalt des Sports ausmachen.

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