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Dagmar Freitag: “Entkoppelung von der Spitze des Sports hat stattgefunden”

Ein Interview von Hans-Joachim Lorenz [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT |RINGE]

Olympisches Feuer: Der deutsche Sport gibt über seine Spitzenorganisationen z.Zt. kein gutes Bild ab. Beim DOSB hat ein offener Brief der Mitarbeitenden den Führungsstil von Präsident Hörmann kritisiert und von einem ‚Klima der Angst‘ berichtet und beim DFB hat sich die Führungsebene gerade selber zerlegt. Wie beurteilen Sie die gesamte Situation?

Dagmar Freitag: In der Tat ist die öffentliche Wahrnehmung der beiden größten Sportverbände in unserem Land aktuell verheerend. In einer Zeit, in der die Corona-Pandemie langsam beherrschbar zu werden scheint und Sport in unserem Land hoffentlich Schritt für Schritt wieder ermöglicht werden kann, wirken DFB und DOSB nicht wirklich handlungsfähig. Anstatt alle Energie in den Wiedereinstieg in das gewohnte Sporttreiben stecken zu können, treiben sich beide Verbände heillos zerstritten auf verbandsinternen Schauplätzen herum. Beim DFB beobachten wir seit Jahren Machtkämpfe, persönliche Eitelkeiten und Interessen und Verstöße gegen Good Governance-Prinzipien, die in Rücktritten etlicher Präsidenten gipfelten. Beim DOSB sieht die Sache aus meiner Wahrnehmung etwas anders aus, hier fokussiert sich die Kritik vor allem auf Präsident Hörmann und seine Amtsführung nach innen und außen. Das Ergebnis aber ist das gleiche: Die Querelen tragen national und international ganz sicher nicht zum Ansehen des deutschen Sports bei, was ja auch dem Präsidenten des IOC nicht verborgen geblieben ist.

Olympisches Feuer: Stichwort DOSB. Das Präsidium hat sich hinter Präsident Hörmann gestellt und ihm uneingeschränkt das Vertrauen ausgesprochen. Allein der Aktivensprecher im Gremium, der Ruderer Jonathan Koch, hatte sich der Stimme enthalten und eine gründliche, ergebnisoffene Untersuchung gefordert, wurde aber übergangen. Der Ehrenrat ist involviert. Ist für Sie die Sache geklärt und inhaltlich bereinigt?

Dagmar Freitag: Aus meiner Sicht ist da noch gar nichts geklärt, die Vorwürfe stehen nach wie vor im Raum. Daran ändern auch die unmittelbar erfolgten Solidaritätsbekundungen von Präsidium und Vorstand des DOSB nichts; im Gegenteil: sie wirken mehr als befremdlich. Aus meiner Sicht wäre unter Good Governance-Gesichtspunkten ein anderer Weg der richtige gewesen: Ruhenlassen des Amtes durch Präsident Hörmann, Einschaltung der Ethikkommission, Bewertung der Empfehlung der Ethikkommission, Entscheidung durch das dafür zuständige Präsidium. Aber genau dieses Gremium hat ja bekanntlich bereits eine klare Festlegung zugunsten Hörmanns getroffen. Verkehrte Welt…

Und dass es – wieder einmal – ein Athletenvertreter war, der sich von dem bekannten Burggraben-Muster der Sportfunktionärswelt nicht hat vereinnahmen lassen und sich dem vorschnellen Votum verweigert hat, ist bezeichnend für die neue Athlet:innengeneration. Die heutigen Athletinnen und Athleten agieren unabhängiger, kritisch und zugleich ausgesprochen verantwortungsvoll. Athleten Deutschland e.V. ist dadurch zu einer national und international viel beachteten Leuchtturm-Organisation geworden.

Olympisches Feuer: Drei Landesverbände , Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin haben sich gegen Hörmann gestellt , fordern Konsequenzen. Muss er sie ziehen und wenn ja, welche?

Dagmar Freitag: Bislang zeigen die Forderungen nach einem Rücktritt von Präsident Hörmann keinerlei Wirkung, obwohl sich mit Stefan Klett der Präsident des bundesweit größten und damit auch äußerst einflussreichen LSB an die Spitze der Bewegung gesetzt hat. Aber das Gegenteil ist der Fall: beim DOSB läuft nach meiner Wahrnehmung unbeeindruckt ein „business as usual“. Anders kann ich beispielsweise die kürzlich erfolgte Berufung Hörmanns als Delegationsleiter für die Olympischen Sommerspiele in Tokio nicht werten.

Olympisches Feuer: Wie schwer wiegt die Belastungsprobe für den DOSB?

Dagmar Freitag: Aus meiner Sicht schwer. Die Vorwürfe gegen DOSB-Präsident Hörmann sind das eine. Spätestens mit der merkwürdigen „Nachbearbeitung“ der Erklärung des Präsidiums allerdings können zudem auch Zweifel an der Haltung zu Prinzipien einer Good Governance im Haus des Sports an der Otto-Fleck-Schneise aufkommen, vermutlich mittlerweile auch bei dem ein oder anderen Vertreter der Spitzenverbände.

Man darf nicht vergessen: der DOSB verweist ja nur zu gerne auf „Sportdeutschland“, das man als Dachorganisation vertrete. Wenn wir alle, die in unseren Vereinen oder Verbänden oder an anderer Stelle für den Sport engagiert sind, darunter fallen, dürfen – nein, müssen – wir auch den Anspruch formulieren, angemessen vertreten zu werden. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

Olympisches Feuer: Thema DFB. Der größte Einzelsportverband der Welt Kommt aus der Dauerkrise nicht heraus, trotz des Rücktritts von Präsident Keller und Generalsekretär Curtius. Reicht das? Die Schatten der Vergangenheit reichen schließlich zurück bis zum Sommermärchen 2006.

Dagmar Freitag: Der DFB taumelt seit Jahren von einer Krise in die nächste, die nach wie vor ungeklärten Vorgänge um das Sommermärchen, eine Oligarchen-Uhr, Nazi-Vergleiche. Dazu ganz offenbar Intransparenz, Illoyalität und Indiskretionen in der Spitze des DFB und Langzeit-Funktionäre, die sich in Machtkämpfen verlieren. Dass nun neben Präsident Keller und Generalsekretär Curtius auch andere Präsidiumsmitglieder ihren Posten räumen werden, ist unabdingbar, um mittelfristig wieder eine unbelastete Verbandsspitze aufzustellen, die der Bedeutung des DFB nach innen und außen gerecht werden kann.

Olympisches Feuer: Nun soll Vizepräsident Koch den Verband kommissarisch für eine Übergangszeit von 9 Monaten leiten, obwohl er an allen maßgeblichen und umstrittenen Vertragsentscheidungen beteiligt war. Dazu zählen hoch dotierte Prüfaufträge und Beraterverträge. Schließlich hat Rainer Koch vier Präsidenten ‚überlebt‘ ohne selber Konsequenzen zu ziehen. Ist er geeignet für eine saubere Übergangslösung?

Dagmar Freitag: Wohlwollend kann man diese Lösung pragmatisch nennen. Ob sie hilfreich ist, ist eine andere Frage. Rainer Koch ist schon so lange Teil des Systems DFB und hat an so vielen Neuanfängen in führender Funktion mitgewirkt. Meine Zuversicht, dass gerade er jetzt für den großen Wurf stehen wird, ist eher unterdurchschnittlich. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die überzeugt ist, dass der nächste Versuch „sitzen muss“. Und dieser Neuanfang muss dann auch personell überzeugend sein, auch im Präsidium.

Olympisches Feuer: Was halten Sie von einem vorgezogenen Verbandstag, um nicht erst neun Monate zu warten für einen Neuanfang?

Dagmar Freitag: Wichtig ist, dass sich der DFB personell und strukturell endlich dauerhaft, integer und solide aufstellt. Der Termin eines DFB-Bundestages ist da eher zweitrangig.

Olympisches Feuer: Es wird öffentlich diskutiert beim DFB mehr Frauen in die Verantwortung einzubeziehen, eventuell den Verband durch eine Frau führen zu lassen. Fällt Ihnen ein Vorschlag ein und wie beurteilen Sie die Situation?

Dagmar Freitag: Werfen Sie doch mal einen Blick auf das DFB-Präsidium, da ist Hannelore Ratzeburg die einzige Frau neben mehr als einem Dutzend Funktionären. Noch deutlicher wird es im DFB-Vorstand, da finden sie unter fast 70 Mitgliedern keine Handvoll Frauen. Das Missverhältnis spricht erst mal für sich. Ob der kommende DFB-Bundestag erstmalig eine Frau an die Spitze des DFB wählen wird, bleibt also abzuwarten – ich bin aber zuversichtlich, dass sich bei beiden Geschlechtern Persönlichkeiten finden ließen, die in der Lage wären, den DFB in eine neue und bessere Zukunft zu führen. Jedenfalls machen die bemerkenswerten Aktivitäten der Gruppe um Almuth Schult und Katja Kraus Hoffnung. Nach so vielen Jahren internen Zerfalls und geradezu zerstörerischer Eitelkeiten ist man den Ehrenamtlichen, den unzähligen fußballbegeisterten Kindern und Jugendlichen und letztlich auch den Fans einen Neuanfang, der diesen Namen auch verdient, schuldig.

Olympisches Feuer: Die Olympischen Spiele in Tokio stehen vor der Tür, die Fußball Europameisterschaft mit Spielen in München und 2024 komplett in Deutschland , über eine mögliche Olympiabewerbung Deutschlands wird diskutiert. In der Vergangenheit hatte Deutschland meist gute Karten bei der Vergabe großer Sportevents . Es gibt sogar eine Nationale Strategie Sportevents. Welche Auswirkungen könnten diese Querelen in den Führungsetagen des einst so honorigeren deutschen Sports auf zukünftige Vergaben , aber auch die Förderung von Verbänden haben ?

Dagmar Freitag: IOC-Präsident Dr. Thomas Bach hat ja kürzlich eine bemerkenswerte Mail an den DOSB geschrieben, in der er unter anderem das derzeit äußerst belastete Verhältnis zwischen DOSB und IOC thematisiert und die internationale Wahrnehmung des Dachverbands des deutschen Sports kritisiert hat. Ich verstehe das als die sprichwörtliche gelbe Karte an die Führung des deutschen Sports. Der Sport hat in unserem Land bekanntlich eine große Bedeutung, insbesondere in COVID19-Zeiten fällt allen Sportbegeisterten auf, welches bedeutsame Stück Lebensqualität den meisten von uns aufgrund der Pandemie fehlt. Ich führe seit Monaten digitale Veranstaltungen mit Ehrenamtlichen aus Sportvereinen durch und bin begeistert, mit wie viel Kreativität, Durchhaltevermögen, Engagement und Optimismus die Menschen vor Ort in den Sportvereinen in der ganzen Republik trotz aller Schwierigkeiten die Situation zu meistern versuchen. Da hat aus meiner Sicht eine Art der Entkoppelung von der Spitze des deutschen Sports stattgefunden; die Landessportbünde hingegen haben mit bemerkenswerten Maßnahmen ihre Mitgliedsvereine unterstützt und zusätzlich motiviert.

Keine Frage: Olympische und Paralympische Spiele in unserem Land wären sicher ein Highlight und darüber hinaus auch eine echte Alternative zu undemokratischen, autokratischen Gastgeberländern. München, Hamburg und auch die kürzlich beim IOC unter die Räder gekommene Rhein-Ruhr-Region hatten überzeugende Konzepte, gescheitert entweder an negativen Bürgerentscheiden oder aktuell an offenbar mangelndem Einfluss und fehlender Strategie des DOSB, international die Weichen zu stellen. Wir werden in den kommenden Jahren dennoch spannende internationale Großveranstaltungen in Deutschland erleben, beispielsweise die European Championships 2022 in München, die Special Olympics World Games 2023 in Berlin und die Universiade 2025 in der Rhein-Ruhr-Region. Vielleicht können wir uns damit irgendwann erneut auf den Weg machen, auch einmal wieder Gastgeber für Olympische und Paralympische Spiele zu werden – aber das ist wohl eher eine mittel- bis langfristige Perspektive.

Olympisches Feuer: Es ist ja ein bekanntes Problem, dass die Funktionärswelt eine von älteren Herren ist.Welche Fehler hat der Sport gemacht, Nachwuchskräfte zu finden und zu fördern? Wie kann diese Herausforderung jetzt gemeistert werden? Ist eine schnelle Transformation überhaupt möglich? Beim DFB wurden die Entscheidungen Koch, Peters und Osnabrügge in ihren Ämtern zu belassen damit begründet, dass der Verband ansonsten nicht geführt werden könnte.

Dagmar Freitag: Es gibt viele Gründe, die die Bereitschaft, die zum Teil knapp bemessene Freizeit in den Dienst eines Vereins oder eines Verbandes zu stellen, beeinflussen. Vorneweg die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf, die ganz persönliche Lebenssituation und auch Umfang und Dauer einer echten ehrenamtlichen Tätigkeit. Unsere Sportvereinsstruktur aber ist untrennbar mit dem Ehrenamt verknüpft, daher sehe ich die gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, sich mit Konzepten zur Gewinnung von Ehrenamtlichen zu beschäftigen. Doch auch auf der Ebene der Spitzenverbände sieht es kaum besser aus. Auch hier wägen vor allem jüngere Männer und Frauen sorgsam ab, inwieweit sich solch ein aufwändiges und zudem mit großer persönlicher Verantwortung einhergehendes Ehrenamt mit dem eigenen Lebensentwurf vereinbaren lässt. Es gibt außer dem DFB meines Wissens keinen Spitzensportverband, der auch nur annähernd solche „Aufwandsentschädigungen“ in fünf- oder gar sechsstelliger Höhe zahlen kann. Dass da dann die Beharrungskräfte besonders ausgeprägt sind, erklärt sich von selbst.

Olympisches Feuer: Wäre angesichts solcher Zustände im Sport und vor allem angesichts der Tatsache, dass der Sport ohne politische Förderung nicht überlebensfähig wäre, nicht ein Sportministerium an der Zeit ? Schließlich stehen Neuwahlen und damit mögliche Veränderungen an.

Dagmar Freitag: Ich bin seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages und von Beginn an in der Sportpolitik verwurzelt. Das Bundesinnenministerium war in den fast dreißig Jahren stets Hauptansprechpartner und exekutiver Akteur der sportpolitischen Entscheidungen. Aber bei einem genaueren Blick erkennt man, dass die vielfältigen Facetten des Sports auch in vielen weiteren Ressorts auftauchen. Im Auswärtigen Amt und im BMZ finden wir internationale Sportprojekte, mit dem Gesundheitsministerium habe ich im Zusammenhang mit dem Sport für Organtransplantierte zusammengearbeitet, Teile der Jugendsportförderung sind im Familienministerium angesiedelt, das Finanzministerium verantwortet die Sportförderstellen des Zolls, das Verteidigungsministerium die der Bundeswehr – die Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Warum nicht zumindest eine(n) Staatsminister(in) für Sport – analog zur Staatsministerin für Kultur und Medien – als koordinierende Stelle im Kanzleramt? Ich werde meine Abgeordnetentätigkeit allerdings mit der Bundestagswahl im Herbst beenden und die Entwicklungen in Berlin dann nur noch aus der sauerländischen Heimat aufmerksam verfolgen.

Fotos: Beitragsfoto: picture alliance/dpa/AFP POOL | Ina Fassbender | Text: Die Hoffotografen

Hans-Joachim Lorenz ist Vizepräsident Kommunikation / Werbung der Deutschen Olympischen Gesellschaft e.V. (DOG)

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