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Geld wichtiger als Klima

von Michael Reinsch [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT | MENSCHEN]

Thomas de Maizière hat als Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Arbeit und Stil des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann untersucht und ihm ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. In der Organisation herrschten destruktive Selbstbespiegelung, Demotivation und Gerüchte, Unzufriedenheit und Unklarheiten. Dringend müsse das Verhältnis zu Mitgliedsverbänden, Partnern und Förderern verbessert, an Klima und Akzeptanz gearbeitet sowie der Führungsstil verändert werden. So wie bisher könne es nicht weitergehen.

Zwischen sie beide passe kein Blatt Papier, behauptete Hörmann, als de Maizière noch Bundesinnenminister und für die Spitzensportförderung des Bundes zuständig war. Nun hat de Maizière einen neun Seiten langen Bericht zwischen beide gelegt, den wohl fast jeder als Aufforderung zum Rücktritt verstehen würde.

De Maizière musste sich mit Vorwürfen befassen, die Mitarbeiter aus der Verbandszentrale im Mai anonym gegen den Chef des Hauses erhoben hatten. Er empfiehlt Hörmann, durch vorgezogene Neuwahlen die Vertrauensfrage zu stellen. Nur auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Zeitgewinn. Strebte Hörmann an, das halbe Jahr bis zur Vollversammlung im Dezember auszusitzen und auch die Reise zu den Olympischen Spielen in Tokio noch anzutreten, für die er sich als Delegationsleiter nominiert hat, bräuchte er ein sehr dickes Fell. De Maizière haut schließlich in dieselbe Kerbe wie Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Vorgänger Hörmanns. Bach schrieb im Mai dem DOSB, er sei in Sorge, da das internationale Ansehen des Verbandes gesunken und dessen Funktionsfähigkeit gefährdet sei. Die Konsequenzen der Aufklärung, die nun de Maizière geleistet hat, sollten zügig gezogen werden, am besten noch vor den Olympischen Spielen. Der schlaue Bach: Er riet schon vor drei Wochen, dass Hörmann nun gehen solle. De Maiziere schreibt nun, Gegenkandidaten hätten im Fall der Wahl im Dezember Zeit, für ihr Konzept und ihr Personal zu werben.

Wie er sich auch entscheiden mag: Seit de Maizière sein Verdikt veröffentlicht hat, ist Hörmann ein Mann von gestern. Der DOSB muss, wie auch der Deutsche Fußball-Bund, eine Persönlichkeit finden, die nach außen den Sport vertritt und innen den Laden reformiert.

Nichts von dem, was die Ethikkommission zusammengetragen hat, überrascht. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Triathlon-Präsident Martin Engelhardt die Vollversammlung des DOSB aufforderte, destruktive Auseinandersetzungen zu beenden und stattdessen Vertrauen, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Die Verbands- und Landesfürsten entschieden sich dagegen. Der erste und einzige Gegenkandidat der Ära Hörmann erhielt 61 Stimmen. 389 bekam der grimmige Amtsinhaber.

Der Mehrheit der Stimmberechtigten schien es stets einerlei, wer an der Spitze des zahnlosen Dachverbandes steht, solange er beim Finanzier, der Bundesregierung, als Sesam-öffne-dich wirkte. CSU-Mitglied Hörmann stand lange in der Gunst der Innenminister de Maizière und Seehofer und steigerte die Spitzensportförderung auf den Rekordwert von knapp 300 Millionen Euro. Das viele Geld war den Fachverbänden wichtiger als das Klima. Nun stehen sie beim Neubeginn des Sports nach der Pandemie mit leeren Händen da. Einerlei, ob Hörmann geht oder bleibt.

Michael Reinsch ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit Jahrzehnten setzt er sich mit Themen auseinander, die den Sport in seiner Gesamtheit und seiner Wirkung auf die Gesellschaft beinhalten.

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