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Radsport boomt – nicht nur bei der Tour

von Frank Heike [GESELLSCHAFT | WIRTSCHAFT]

Ob Spitzensport bei der Tour de France oder Familien-Ausfahrt in den Ferien: Das Fahrrad ist im Sommer allgegenwärtig. Wie ein reines Fortbewegungsmittel wirkt es dabei immer seltener. Sondern: Rennmaschine, Entschleunigungshelfer, Lastenesel. Ein bisschen Statussymbol darf der Drahtesel von einst schon sein.

Das Fahrrad ist beliebter und angesagter denn je. Davon profitieren sowohl der Profi-Radsport und seine Sponsoren als auch die Hersteller von Fahrrädern.

„Ob es die erhöhten Sponsoringumsätze sind, die Einschaltquoten bei der Tour de France, der Anstieg bei Fahrradreisen oder die reinen Verkaufszahlen von Fahrrädern – der Fahrradmarkt entwickelt sich in allen Bereichen, die wir beobachten, dynamisch“, sagt Dennis Trautwein, Managing Director Germany and France bei Octagon, der weltweit führenden Beratungs- und Kreativagentur in Sachen Sport und Entertainment.

Octagon Germany hat nicht nur verschiedene Wachstumsraten des boomenden Marktes zusammengestellt, sondern auch weiche Faktoren mit in die Betrachtung einbezogen. Warum fährt jemand Rad? Was versprechen sich Radfahrer:innen davon? Was macht das Radfahren mit den Radfahrer:innen? Dabei werden Zahlen zum Profiradsport anhand der großen Rundfahrten zusammengestellt und auch den Fahrradmarkt allgemein unter die Lupe genommen.

Vor gut drei Wochen war es soweit. Beim Grand Départ in Brest zeigte sich die Bretagne von ihrer besten Seite auch wenn die Pandemie in diesem Jahr natürlich nur eine sehr reduzierte Variante zugelassen hat. In den vergangenen fünf Jahren kamen immer mehr als 800.000 Menschen zum inoffiziellen Start der Tour de France namens „Grand Départ“. Das Publikum an diesem Wochenende ist üblicherweise international und jung – viele reisen mit der ganzen Familie an.

Die Hälfte der Menschen stammt nicht aus dem Land des Grand Départs. Ein unterschätztes Mega-Event, das 2017 mehr als 57 Millionen Euro in deutsche (Düsseldorfer) Kassen spülte, betrachtet man die Felder Shopping, Hotellerie und Gastronomie. 2022 wird Kopenhagen Ort des Grand Départ sein. Übrigens glaubten zuletzt 90 Prozent der Einwohner:innen, dass ihre Region vom Grand Départ profitiert habe.

Nicht nur mit dem Zuschauen an Ort und Stelle können die Tour de France-Ausrichter werben. Ganz Europa schaut nämlich Rad! An der Strecke oder im Fernsehen. Alle großen Rundfahrten der Profi-Radler hatten jüngst enorme Zuwachsraten bei den Einschaltquoten, auch wenn der Peak aus den 2000-er Jahren noch nicht wieder erreicht ist. Dabei sind die meisten Radsportfans zwischen 25 und 45 Jahre alt, fahren selbst Rad und verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 67.000 Euro.

Fahrradfahrer fahren während der Fahrradsternfahrt «Stern für Hanau» zur Erinnerung an den rechtsterroristischen Anschlag von Hanau Richtung Hanau. An dem «Ride to Remember» beteiligen sich Radfahrer aus vielen Gemeinden und Städten Hessens sowie aus Nordbayern.

Befindet sich die wirtschaftliche Entwicklung des Radsports in einem steilen Anstieg? Dennis Trautwein sagt zu dieser Frage: „Radsport hat sich in den letzten Jahren zum Glück von den dunklen Doping-Jahren erholenckönnen, auch wenn die Schatten natürlich lang sind. Die immer stärkere Verankerung im Lifestyle-Segment und feste Verankerung in der Mitte unseres täglichen Lebens, schafft allerdings eine Menge Potentiale für die Zukunft.“

Aus Sicht des Unternehmens ist Radsport-Sponsoring ein lohnendes und vergleichsweise preiswertes Investment. Radsportteams sind weltweit vertreten. Das ist ein großer Vorteil für international tätige Firmen wie Bora und Hansgrohe- Namensgeber des deutschen Teams Bora-hansgrohe. Die Steigerung der Markenbekanntheit ist durch die großen Rundfahrten enorm. Zudem wird die Marke emotional aufgeladen. Die Sympathiewerte steigen. Die Reichweite ist pro eingesetztem Euro in der Regel größer als im Fußball oder der Formel1.

Doch nicht nur die Sponsoren bei großen Rundfahrten profitieren vom Wachstum. Auch die Hersteller. Denn Radfahren vereint viele gute Eigenschaften auf sich: Es hält gesund, macht glücklich und schont den Planeten. Der Radsport und das Rad an sich bieten Sponsoren und Herstellern also die ideale Plattform, um sich als Marke für Nachhaltigkeit zu positionieren. Ein sympathischeres Produkt als das Fahrrad lässt sich schließlich kaum vorstellen. Hinzu kommt: Das Rad wird zum Premiumprodukt, denn solvente Kunden kaufen hochwertig: Die Menge verkaufter Räder und der Umsatz in ganz Deutschland steigen ständig ebenso wie Qualitäts- und Markenbewusstsein. Bunter, schneller, teurer: Höhere Ansprüche und Absatz-Prognosen intensivieren den Wettbewerb. Auch in den kommenden zwölf Monaten planen 17 Millionen Deutsche fest mit einem Zweirad-Kauf. In den nächsten fünf Jahren wollen 16 Prozent der Deutschen häufiger als bisher einen Radurlaub antreten. Hersteller und Anbieter, die jetzt Gas geben, machen das Rennen.

Als solche Urlaube aufgrund der Pandemie unmöglich waren, zeigte sich die Branche von ihrer innovativen Seite und nutzte die Digitalisierung, um den Fahrer:innen weiterhin Beine zu machen. Virtueller Radsport ist das neue, große Ding – zumindest in der Pandemie. Die Hersteller von Hometrainern können mit der Nachfrage kaum Schritt halten. Zwift hat inzwischen drei Millionen Menschen.

Ein Gewinner der Pandemie ist auch das eCycling. Im Dezember 2020 veranstaltete der Internationale Radsportverband (UCI) die erste Indoor-WM im eCycling auf Zwift. Der Unterschied zum eSport: Beim eCycling wird wirklich im eigenen Wohnzimmer gefahren, nicht gezockt.

Dennis Trautwein sagt abschließend: „Wir beobachten den Markt schon seit einiger Zeit, aber von einigen Ergebnissen unserer Zusammenstellung waren wir selbst überrascht. Man kann durchaus feststellen: Wer es als Sponsor, Veranstalter oder Hersteller gerade ernst meint und professionell und nachhaltig auf das Fahrrad setzt, wird davon mit großer Wahrscheinlichkeit profitieren können.“

Fotos: Beitragsfoto:  picture alliance / Roth | Text: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Sportjournalist Frank Heike schreibt seit vielen Jahren als Korrespondent regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der gebürtige Flensburger ist zudem Mitglied der Hamburger Medienmannschaft. Er liefert regelmäßig Content für die Kunden des Netzwerks. Neben Fußball und Handball gehören Sportbusiness-Themen inzwischen zu Heikes Kern-Expertise.

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