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Gastkommentar: Nie und nimmer wird der Fußball das Land verändern

Stefan Backs, ehemaliger Sportjournalist und mittlerweile als Berater selbst Akteur in der Fußballbranche, kann sich für die bevorstehende Weltmeisterschaft in der Wüste nicht erwärmen. Einwurf eines Fußball-Liebhabers abseits des Katar-Kritik-Mainstreams.

Von Stefan Backs

[ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

 

Als junger Journalist – ich war noch Volontär – schickte mich mein damaliger Arbeitgeber zur Fußball-WM 1994 in die USA. Es war logischerweise mein erstes großes Turnier und ich erinnere mich noch gut an die Mischung aus Vorfreude (geil, San Francisco) uns Skepsis (USA und Fußball – wie soll das gehen?).

Und wie es ging. Das Turnier wurde ein voller Erfolg und ich denke noch oft an die tolle Stimmung in den Stadien, die enthusiastische Fußballnaivität der amerikanischen Volunteers, das wachsende Interesse in den US-Medien. Damals dachte ich, so eine WM ist wie die Olympische Fackel. Sie wird von Land zu Land weitergereicht und bringt sogar Fußball in Amerika zum Leuchten. Heute ist Soccer in den USA längst unter den großen Sportarten etabliert.

Nur ein Jahr später, im April 1995, durfte ich zur Fußball-U20-WM nach Doha/Katar reisen. Eigentlich sollte das Turnier in Nigeria stattfinden, doch wegen politischer Unruhen war dies unmöglich. Und so sprang Katar kurzfristig ein.

Abseits davon, dass Deutschland eine C-Mannschaft entsandte und als Gruppen-Letzter in der Vorrunde ausschied, hätte der Unterschied zu den USA nicht größer sein können.
Ein Fußball-Turnier in einem Land, in dem sich niemand wirklich für Fußball interessiert. In dem die klimatischen Gegebenheiten leistungssportfeindlich sind, in dem selbst kaum Einheimische wohnen (nur rund 400.000 Menschen dort sind Kataris). So ein Land kann keine Begeisterung entfachen. Egal, wie modern die Stadien anmuten (siehe Titelfoto: Das Finalstadion Katars). Dabei habe ich über die politische „Kultur“ in diesem Land noch nicht einmal geschrieben.

 

An diesem Turnier ist nichts echt.

Für mich persönlich kommt hinzu, dass ich mitbekam, wie sich asiatische „Geschäftsleute“ an vornehmlich afrikanische Spieler heranmachten. Als ich diese interviewen wollte, wichen sie aus oder flohen in ihre Zimmer. Einer bestätigte mir schließlich, dass er unter Druck gesetzt wurde, um Spiele zu manipulieren. Ich meldete die Vorgänge der FIFA. Es war das erste Mal, dass die asiatische Wettmafia bei einem offiziellen Turnier „erwischt“ wurde.

Mein Gedanke der Olympischen Fackel, den ich noch pathetisch aus den USA mitgebracht hatte, war jedenfalls in Katar sinnbildlich erloschen. Allein die Tatsache, dass der Wüstenstaat kurzfristig für Nigeria einsprang, hat dieses Turnier entschuldigt. Aber nie und nimmer wird der Fußball hier Fuß fassen. Und nie und nimmer wird der Fußball das Land verändern.

Die Regel sollte ganz einfach sein: Kein offizielles Fußball-Turnier darf in ein Land vergeben werden, das offensichtlich gegen die Menschenrechtskonventionen verstößt. Allein deshalb ist die WM-Vergabe nach Katar ein Skandal. Die Leidtragenden sind wie so oft die Spieler. Nicht nur, dass sie wegen dieser Winter-WM ein Jahr komplett durchspielen müssen. Der mögliche Triumph wird auch anders aufgenommen werden als bei einer WM, die in einem Fußball-Land stattfindet.

Und auch für die Fans ist diese WM eine Katastrophe. Denn an diesem Turnier ist nichts echt. Und alles falsch.

 

Autor Stefan Backs: Der gelernte Sportjournalist (u.a. SID, Sport-Bild und SAT1) sattelte vor über 20 Jahren um und wurde zunächst Mediendirektor einer der größten Beratungsagenturen der Branche. Mit der Gründung von „Siebert & Backs“ hat sich der Dortmunder inzwischen längst selbstständig gemacht. Zu seinen Klienten zählen u.a. Top-Keeper Alex Nübel und Trainer André Breitenreiter. Neuerdings setzt auch Bob-Olympiasiegerin Laura Nolte auf seine Beratungsdienste.

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