Olympia, Herren, Tokio 2020, Beachvolleyball, Achtelfinale, Clemens Wickler (l) aus Deutschland in Aktion gegen Jacob Gibb aus den USA.
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„Das Leben funktioniert nicht, wenn ich 24 Stunden nur an Beachvolleyball denke.“

von Julia Nikoleit [MENSCHEN | RINGE ]

Olympisches Feuer: Herr Wickler, in diesem Sommer standen für Sie mit den Olympischen Spielen, der Europameisterschaft und der Deutschen Meisterschaft drei Höhepunkte in wenigen Wochen an. Was schlaucht in so einer intensiven Phase mehr: die körperliche oder die mentale Belastung?

Clemens Wickler: In diesem Jahr war es ganz klar der Kopf, der mehr geschlaucht hat, denn Olympia ist mental noch einmal eine ganz andere Belastung als es ein normaler Wettkampf ist. Im Vorfeld wurde uns bereits gesagt, dass wir unsicher und unruhig sein werden, wenn wir dort auf dem Platz stehen – und das war definitiv so. Olympia ist einfach ein ganz besonderer Wettkampf.

Ich war vor dem ersten Spiel wirklich extrem nervös. Außerdem sind wir es nicht gewohnt, dass ein Wettkampf über drei Wochen geht. Normalerweise ist ein Turnier in vier, fünf Tagen erledigt, in Tokio hatten wir einmal alleine drei Tage Pause zwischen zwei Spielen. Sich dann einerseits herunterzufahren, aber andererseits die Spannung hochzuhalten, ist unglaublich anstrengend.

Olympisches Feuer: Welche Auswirkungen hatte das auf die beiden nächsten hochkarätigen Meisterschaften nach den Olympischen Spielen?

Clemens Wickler: Bei der EM schien ich die Erschöpfung noch nicht wirklich zu spüren, aber im Nachhinein muss ich eingestehen, dass ich nicht mehr bei hundert Prozent war. Bei der Deutschen Meisterschaft war es dann ganz extrem. Es war für mich sehr, sehr schwierig, mental das Level zu erreichen, das ich brauche, um wirklich gut zu spielen.

Olympisches Feuer: Als Spitzensportler sind Sie es gewohnt, Höchstleistung zu bringen. Was macht es mit einem Leistungssportler, wenn er merkt, dass der Kopf einfach nicht mehr will oder kann, obwohl man noch müsste?

Clemens Wickler: Das ist schwierig. Bei der EM habe ich wahrscheinlich noch gar nicht verstanden, dass es der Kopf ist, der mir Schwierigkeiten bereitet. Häufig äußert sich der Kopf ja auch körperlich. Es ist allerdings nicht leicht, im Wettkampf zu differenzieren, warum die Beine jetzt zumachen – sprich, ob es der körperliche Zustand ist oder die mentale Anspannung. Zudem ist es mir nicht leichtgefallen, überhaupt die Akzeptanz dafür aufzubringen…

Olympisches Feuer: Was können Sie aus dieser Erfahrung für einen Lerneffekt mitnehmen?

Es heißt, dass einem das Herz auch bei den nächsten Olympischen Spielen wieder in die Hose rutschen wird – unabhängig davon, dass man schon einmal da war. Dennoch hilft dir natürlich jede Erfahrung weiter. Ich denke, es ist das Wichtigste, dass die eigene Akzeptanz da ist. Du musst akzeptieren, dass du nach Olympischen Spielen – für die du monatelange alles eingesetzt hast – halt nicht mehr hundert Prozent abrufen kannst, sondern erst einmal nur noch 85 oder 90 Prozent.

Und wenn es dir gelingt, mit einer anderen Akzeptanz an diese Situation heranzugehen, ist die Frustration nicht so hoch – und dein Spiel läuft schon alleine deshalb besser, weil du mental darauf vorbereitet bist, statt mit dir selbst zu kämpfen. Für den nächsten Olympia-Zyklus wird das in gewisser Weise sicherlich hilfreich sein.

Olympisches Feuer: Wer kein Leistungssportler ist, kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie es ist, wochenlang unter Ergebnisdruck zu stehen – zumal man immer wieder hört, dass die eigene Erwartung oft den größten Druck verursacht. Wie gelingt es, mit dieser permanenten Anspannung im Trainingsalltag umzugehen?

Clemens Wickler bei den Deutschen Meisterschaften

Clemens Wickler: Ich bin ein Typ, der sich viel Druck macht, weil ich extrem ehrgeizig bin. Wenn über dich geschrieben wird, dass man eine Medaillenhoffnung sei oder man nach Edelmetall greifen könne, prasselt das natürlich auf dich ein. Dennoch würde ich es sofort unterschreiben, dass es die größere Herausforderung ist, mit dem Druck umzugehen, den du dir selbst machst.

Sportpsychologisch ist das ein sehr spannendes Thema, denn du kannst das, was du im mentalen Training erarbeitest, nicht einfach sofort im Wettkampf umsetzen. Es erfordert Woche für Woche ein tägliches Training, in dem man den Druck simuliert und sich bewusst Stress aussetzt, um im Wettkampf – wenn es darauf ankommt – mit den Situationen fertig zu werden.

Olympisches Feuer: Inwiefern ist diese ‚Druckresistenz‘ überhaupt trainier- bzw. erlernbar?

Clemens Wickler: Natürlich gibt es Spieler, die von Haus aus mit Druck besser umgehen können als andere, aber trotzdem ist es am Ende eine Trainingssache, wie man sich mental in die Stimmung versetzt, in der man seine optimale Leistung bringen kann. Das erfordert viel Training. Es ist jedoch wichtig, dass man sich in der Vorbereitung bewusst Pausenzeiten nimmt und sich bis zum Wettkampf langsam hochreguliert.

Denn die ganze Zeit unter Strom zu stehen, schaffst du nicht. Du kannst dich, wenn wir bei den Olympischen Spielen bleiben, nicht die ganze Zeit ans Optimum pushen. Dann überstehst du vielleicht noch die Vorrunde, aber dann fällst du in ein Loch, weil man die Spannung einfach nicht über mehrere Wochen aufrechterhalten kann.

Olympisches Feuer: Wie gelingt dieser Spagat?

Clemens Wickler: Es ist eine Erfahrungssache. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass der Ausgleich ebenso wichtig ist wie das Training. Für mich gab es immer nur Beachvolleyball, Beachvolleyball, Beachvolleyball. Ich wollte immer vollen Einsatz geben und musste erst lernen, dass ich nicht die ganze Zeit nur durchpowern kann. Das Leben funktioniert nicht, wenn ich 24 Stunden nur an Beachvolleyball denke. Inzwischen nehme ich mir bewusst die Zeit, mit der Familie telefonieren oder mit Freunden etwas zu unternehmen, um abzuschalten.

Olympisches Feuer: Glauben Sie, dass junge Nachwuchsleistungssportler die mentale Seite gerade zu Beginn ihrer Karriere unterschätzen?

Clemens Wickler: Zu hundert Prozent; ich weiß das aus eigener Erfahrung (schmunzelt). Am Anfang habe ich gedacht, ich muss an meiner Technik arbeiten, Krafttraining machen und im athletischen Bereich immer besser werden – und eventuell noch auf meine Ernährung achten. Das waren für mich die Aspekte, die für einen Leistungssportler wichtig sind – und dabei ist der Kopf eigentlich der wichtigste Faktor, denn ab einer gewissen Ebene sind irgendwann alle auf einem ähnlich hohen athletischen und technischen Level.

Kurz gesagt: Wir können einfach alle richtig gut Beachvolleyball spielen, daher macht am Ende der Kopf den Unterschied. Wer ist in bestimmten Situationen bereit, welches Risiko einzugehen? Wer bleibt in Stresssituationen am ruhigsten? Wem gelingt es, nicht hektisch zu werden, sondern seine Techniken im Spiel ruhig umzusetzen?

Olympisches Feuer: Wie erklären Sie sich, dass die mentale Seite immer wieder nachrangig behandelt wird?

Clemens Wickler: Entweder wird von der Trainerseite im Jugendalter noch kein großer Wert auf den mentalen Bereich gelegt – oder die Sportler sind noch nicht bereit dafür. In der U19 hatte ich eine Trainerin, die extrem viel Wert darauf gelegt hat – allerdings war ich noch zu jung und habe nicht verstanden, was sie von mir wollte, weil ich nicht kapiert habe, dass es so ein wichtiger Bereich ist. Ich dachte damals: ‚Okay, dann gehe ich eben zum Sportpsychologen und lass mir da was erzählen – aber nur, weil die älteren Spieler es auch machen.‘

Doch je mehr ich in das Profigeschäft eingestiegen bin, umso mehr habe ich gemerkt: ‚Hoppla, auf diese Situation war ich nicht vorbereitet.‘ Natürlich geht es dabei auch viel um Erfahrung, die man einfach Wettkampf für Wettkampf sammeln muss, aber auf viele Sachen kann man sich eben auch im Kopf vorbereiten. Dieser Prozess lässt sich vereinfachen, wenn die mentale Schiene bereits im jüngeren Alter Bestandteil des Training ist.

Julia Nikoleit

Julia Nikoleit ist freie Sportjournalistin und Autorin aus Hamburg. Neben ihrer Tätigkeit im Reporter- und Dienstleister-Netzwerk Medienmannschaft ist der Handball ihr Spezialgebiet. Nikoleit schreibt unter anderem für das Fachportal handball-world und die Handballwoche. Für sportfrauen.net hat Julia Nikoleit ebenfalls schon Texte verfasst.

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