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Neue Regeln, noch mehr Tempo. Aber: „Das Spiel ist immer schlauer.“

In der Geschichte des Sports haben die Weltverbände immer wieder neue Regeln für ihre Disziplinen aufgestellt. Vor allem die Ballsportarten haben schon viel ‚durchgemacht‘. Doch werden sie dadurch auch wirklich immer attraktiver, telegener, besser zu vermarkten, wie von den Funktionären beabsichtigt? Bei der Handball-WM der Männer gelten einige Neuerungen. Eine von ihnen rückt besonders in den Fokus. Sie steht für und verstärkt den Trend hin zur Hatz von Tor zu Tor. Diesen ‚Zeitgeist‘ muss man nicht mögen. Ein Report.

Von Frank Schneller

[ALLGEMEIN]

War das noch Handball? Oder schon Basketball? 50:40. Tore, wohlgemerkt. Nicht Punkte. 50:40! So lautete der – gar nicht mehr so außergewöhnliche – Endstand eines Spiels zwischen Veszprem und Budapest in Ungarn. Es ging nur hin und her. Rauf und runter. Den Anwurf nach einem Treffer bekam kaum noch jemand in der Halle mit. Hochtempo-Handball, viele Tore, Action ohne Ende, keine Atempause. Für niemanden. So hatten sie sich das beim Handball-Weltverband, der IHF, vorgestellt, als man dem ohnehin schon rasanten Spiel einem weiteren Turbolader zuschaltete und die Bestimmungen für den Anwurf weiter lockerte. Musste man zuletzt wenigstens noch kurz innehalten an der Mittellinie, ehe es wieder in den Spurt ging, müssen sich die Spieler dafür jetzt nur noch in einem vier Meter breiten Anwurfkreis befinden. Spektakuläres soll die neue Nuance bewirken – wie einst die Drei-Punkte-Regel für Korberfolge aus ferner Distanz, die nach dem Vorbild der NBA (dort seit 1979 praktiziert) vom Basketball-Weltverband FIBA 1984 übernommen wurde – ein ‚Game-Changer‘, fraglos.

 

Regel-Revolutionen oder Verschlimmbesserungen?

Die Sporthistorie steckt voller eklatanter Neuerungen – im Hockey, Volleyball, Basketball, Cricket, Fußball – und im Handball. Viele waren gewöhnungsbedürftig, manche haben das Spiel spannender gemacht, vielleicht sogar revolutioniert. Manche aber verschlimmbesserten es, muten an wie Daseins-Nachweise nicht ausgelasteter und sportfremder Funktionäre – unter den Aktiven oft als „Schreibtischtäter“ bezeichnet.

In der Theorie hat man sich bei der IHF natürlich viel versprochen vom neuerlichen Tempo-Booster nach Torerfolgen. Dieser öffnet in der Praxis zusätzliche Schleusen für alle, die noch häufiger aufgebaute, taktisch geplante Angriffe austauschen wollen gegen die von der ‚schnellen Mitte‘ ohnehin schon beschleunigten ‚Überfallkommandos‘: Abschlüsse ehe sich die gegnerische Defensive ansatzweise formiert hat. Torhüter und Abwehrspieler sind im Zuge dessen in der vermeintlichen Abwehrphase meist gar nicht bei der Sache, unterbewusst, sondern schon wieder im Umschaltmodus. Insbesondere Traditionalisten und Freunde klugen Spiels vor beiden Toren kritisieren das. Gegner inflationären Aktionismus‘ ebenfalls.

 

Tempo ist kein Selbstzweck, Hatz kein Gütesiegel

„Tempo ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug.
Und wenn ich das nicht beherrsche, kommt ‚Wilde Sau‘ dabei raus“ warnt Kai Wandschneider, mehrmals zum (Bundesliga-)Trainer des Jahres gekürter Handball-Fachmann. Er selbst hat mit seinen Teams das schnelle Umschaltspiel beherrscht, aber auch taktisch bedingte Entschleunigungen – wie er es nennt: „die Entdeckung der Langsamkeit“ – als taktisches Mittel, vor allem gegen übermächtige, noch schnellere Gegner.

Volker Schneller, einst äußerst erfolgreicher Spieler und Trainer, sowohl im Männer- wie im Frauenhandball als auch im Jugendbereich – behagt die neue Auslegung wenig: „Wenn sich diese Neuerung nachhaltig durchsetzt und zu noch mehr rastlosem Tempohandball führt, wird das Spiel noch unübersichtlicher, dann häufen sich nicht nur die Fehler und Regelwidrigkeiten – auch der Charakter des Spiels geht verloren. Taktische Versiertheit, raffinierte Technik und Tricks, vor allem aber geschultes Abwehrverhalten – all das wird leiden. Ersetzt werden diese Feinheiten durch noch mehr Tempo. Noch schneller sprinten wird die Maxime sein“.

Der mehrmalige Deutsche Meister bezweifelt, dass ein Spiel ohne Balance, Tempo- und Rhythmuswechsel zwangsläufig attraktiver ist – für die Fans in der Halle und vor den Bildschirmen: „Das ist – ein wenig überspitzt formuliert – als wolle man Eiskunstlauf dem Eisschnelllauf anpassen“, sagt er augenzwinkernd, „außerdem dürften viele Zuschauer gar nicht mehr mitkommen, zumal Fehlentscheidungen der Unparteiischen Tür und Tor offen stehen“. So viel Verwirrung wäre gewiss wenig förderlich im Sinne telegener Übertragungen – und damit einhergehender, erhöhter Vermarktungschancen.

Juri Knorr ist der neue Spielmacher und Taktgeber des DHB-Teams, Lukas Mertens (Foto oben) als schneller Linksaußen prädestiniert für das Umschaltspiel im Eiltempo.

 

Keeper und Schiris vor neuen Herausforderungen

Wie einschneidend ist der Anwurf im Spurt wirklich? Etliche Mannschaften – wie zum Beispiel der aktuelle Deutsche Meister bei den Männern, der SC Magdeburg – haben sich zwar derart dem Tempo-Handball verschrieben, dass die neue Regel in ihrem Spiel keinen signifikanten Unterschied macht. Dennoch kommt es auf die balltechnischen Fertigkeiten der Aktiven an, ob die Neuerung stilprägend wird und das Spiel noch sehenswerter macht – oder zum großen, haltlosen Gerenne verkommt.

Als solches dürften es nicht wenige Schiedsrichter, auf die mit zunehmendem Tempo immer neue Herausforderungen zukommen, empfinden. Als Hatz sogar. In der Branche teilen sich die Meinungen darüber, ob es Keepern und Unparteiischen adäquat gelingt, auf Ballhöhe zu bleiben. Die Top-Referees mögen mit der Aufgabe zurechtkommen. Schwieriger wird es spätestens in den unteren Klassen. Auch die Torwartposition wird erneut tangiert. „Die Schwerpunkte meines Torwartspiels haben sich zwischen schnellem Anwurf und dem Stilmittel des siebten Feldspielers total verändert. Eine Fokussierung auf den nächsten Angriff des Gegners ist oft gar nicht mehr möglich, unsereins ist nur noch im Wechsel- und Sprint-Modus“, sagt der 204malige Nationaltorhüter Silvio Heinevetter.

 

Wie sieht es in den unteren Ligen aus?

Ein weiterer Aspekt, der nicht aus den Augen verloren werden darf: Welche Auswirkungen hat die Spielbeschleunigung in den unteren Spielklassen? Und im Nachwuchsbereich – dort wo die Talente geschult und geformt werden sollen? „Die taktische Ausbildung wird augenscheinlich immer mehr vernachlässigt, dafür sind die Spieler körperlich besser als jemals zuvor und auch ihr Tempo nimmt rasant zu“, erklärt Marcus Tausend, Trainer beim Landesligisten Zehlendorf 88 Berlin, „das Problem ist nur: Sie können fast gar nix anderes mehr als rennen und schnell spielen“.

Er habe das schon mehrmals beobachtet, wenn sich neue Spieler aus einem anderen Verein und mit anderer Schwerpunktschulung seinem Team anschließen wollten. Folglich ist er vom geplanten Geschwindigkeitsrausch im Handball weder überzeugt, noch begeistert: „Die Attraktivität und Intensität des Spiels hängt längst nicht nur von der Trefferzahl ab. Im Gegenteil.“ Manche Regeln, beschlossen am Reißbrett, so der einst selbst versierte Handballer, wären schwer nachvollziehbar und verzerrten eine Sportart. Und sie seien nicht zu Ende gedacht. Denn in der Praxis ließen sich einige von ihnen in den unteren Spielklassen gar nicht einheitlich umsetzen: „In vielen Hallen sind die neuen Räume für den Anwurf gar nicht eingezeichnet. Sie müssen vor dem Spiel per Hand grob abgeklebt werden – mit Tape“, berichtet er. Zwar funktioniere es in seiner Staffel vergleichsweise gut – in Parallel-Ligen aber wird die neue Anwurfregel gar nicht angewandt. Stringenz sieht anders aus. Zumal bundesweit keine einheitliche Handhabe herrscht.

 

Ist die IHF-Innovation eine Mogelpackung?

Abseits der großen Bühne gibt es also noch jede Menge Interpretationsspielraum. Das übrigens hat der Handball nicht exklusiv. Auch nicht den Wunsch der Dachverbände nach mehr Aufmerksamkeit und spektakulären Bildern. Ja, auch nach Partystimmung drum herum. Wie bei den Beach-Disziplinen.

Empfehlenswert wäre es indes, kluge Köpfe zu fragen – und zu hören. Damit der Sport nicht ausgehöhlt wird. Entkernt. Im Falle der IHF könnte das zum Beispiel Kai Wandschneider sein. Der ehemalige Erfolgscoach der HSG Wetzlar, der für seine tiefen Einblicke ebenso geschätzt wird wie für seinen Weitblick, betrachtet das Geschehen im nationalen wie internationalen Handball aktuell aus der Distanz. Seine Sicht der Dinge rund um die Beschleunigungsmaßnahmen: „Die IHF hat natürlich ein Interesse daran, dass Uruguay und Co. nicht 11:28, sondern 23 :42 spielen. Es ist mehr los – da, wo eigentlich gar nichts los ist. Das lässt die Zeit schneller verstreichen. 23mal mitjubeln hat einen höheren Ablenkungsgrad als 11mal die Faust in die Höhe strecken.“

Durch die Trainerbrille blickend, erklärt Wandschneider: „Die modifizierte Anwurfregel erschwert Spezialistenwechsel zwischen Abwehr und Angriff – also auch den Einsatz des siebten Feldspielers und des sechsten bei Unterzahl.“ Beides war erst im Laufe der letzten Jahre in Mode gekommen. Er gibt zu bedenken: „Wer bei einem Turnier in jedem Spiel 60 Minuten auf Kick and Rush setzt, muss in der Lage sein, den kompletten Kader aufs Feld zu bringen. Und einen Gegner haben, der dieselbe Strategie verfolgt.“ Nur dann werde es Torfestivals mit 70 bis 80 Treffern geben.

Kai Wandschneider gilt in der Szene als brillanter Fachmann. Dem Mainstream jedoch ist er nicht zuzuordnen.

 

„Die organisierte Feier des Nichts“

Sein Fazit: „Egal welche Regelmodifikationen mit welcher auch immer dahintersteckenden Absicht ausprobiert werden, das ‚Spiel‘ ist immer schlauer und es liegt an dir, was du bezogen auf die Möglichkeiten deines Teams daraus machst.“

Was die WM in Polen und Schweden anbelangt – Weltmeisterschaften sind im Handball in der Regel schwächer besetzt als Europameisterschaften –, bleibt der Einfluss des haltlosen Anwurfs abzuwarten. „Interessant und aufschlussreich wird es erst ab dem Viertelfinale. Und bei vielen Turnieren wurde es dann spätestens ab dem Halbfinale wieder langsamer. Grund: Der Kräfteverschleiß“, sagt Wandschneider, „das ist die organisierte Feier des Nichts. Und Verschleierung der wahren Kräfteverhältnisse. Zeitgeist eben.“

Ob mit diesem wirklich die Post abgeht und Tore im Sekundentakt bei dieser WM auch zum Quoten- und Vermarktungsbeschleuniger werden? Das müssen die Erfinder gemeinsam mit Medien-Entscheidern, Aktiven, Trainern und Unparteiischen im Nachgang analysieren. Sie täten darüber hinaus auch gut daran, sich an der Basis zu erkundigen – und umzusehen.

 

 

Frank Schneller (53), Sportjournalist und Themenproduzent aus Hamburg. Seine Laufbahn begann Frank Schneller beim SportInformationsDienst, arbeitete dann viele Jahre in der Redaktion der Sport-Bild. Seit 2001 arbeitet Schneller als Freelancer und ist seit 2011 Leiter des Reporter- und Dienstleister-Netzwerks Medienmannschaft.

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