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Wir machen das mit den Fähnchen

Auf den Punkt: Peter Ahrens hat für den SPIEGEL die Rückkehr Rudi Völlers zum DFB – diesmal als Sportdirektor – kommentiert. Es geht dabei auch um (zu viel) Folklore, Kurzsichtigkeit seitens des DFB und seinen fehlenden Mut, wirklich moderner werden zu wollen. Unsere Redaktion darf den Beitrag übernehmen.

Gastbeitrag von Peter Ahrens (Quelle: SPIEGEL)

[ALLGEMEIN]

 

In Hanau zumindest sind sie begeistert. Die Entscheidung, Rudi Völler zum Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes zu machen, sei ein »Volltreffer für Fußball-Deutschland«. Das hat der Oberbürgermeister von Hanau, Claus Kaminsky, gesagt. Hanau ist die Heimatstadt Völlers, er ist dort auch Ehrenbürger.

Es ist die Frage, ob die Begeisterung auch über die Stadtgrenzen Hanaus hinausreicht, und hier darf man ein paar Zweifel anmelden.

Rudi Völler ist der Konsenskandidat im deutschen Spitzenfußball. Seit Jahrzehnten vernetzt in der Bundesliga, als Spieler einer der Helden von 1990, Publikumsliebling als Profi und als Teamchef. Das Volkstümliche ist ihm zu eigen, und Latte Macchiato hält er für ein Frauengetränk, wie er einst der »Bild«-Zeitung anvertraute.

 

Die Nummer sicher

Rudi Völler ist die Nummer sicher. Und genau deswegen eine enttäuschende Personalie des DFB.

Der Job des Sportdirektors – das ist eigentlich die Schlüsselstelle im Verband, wenn man sie ernst nimmt. Jemand, der die großen Linien im deutschen Fußball vorzeichnet, der sich des Themas Ausbildung annimmt, der weit über das nächste Turnier hinausdenkt, der das nächste Jahrzehnt des deutschen Fußballs in den Blick nimmt. Das sind die Baustellen des Verbandes, und der Sportdirektor wäre der Baumeister.

Völler hingegen soll vor allem das längst missgelaunte Publikum aufmuntern, er soll die Stimmung rund um die Nationalmannschaft aufhellen, er soll das Symbol dafür sein, dass die Nationalelf doch noch nicht so weit weg von der Basis ist. Dass da doch noch einer ist, der auch mal launige Sprüche machen kann. Kein Marketingprodukt, sondern ein Typ.

Es zählt nur 2024

Alles richtig und wichtig, schwer genug zudem angesichts der tief verwurzelten Entfremdung, die dieser Mannschaft mittlerweile entgegengebracht wird. Es ist aber auch alles sehr kurzfristig gedacht. Völler soll das Feld bereiten für die gute Laune bei der Heim-EM, mehr nicht. All die wirklich wichtigen Aufgaben, die darüber hinaus warten, soll irgendjemand anderes erledigen. Wer soll das sein?

Es ist das DFB-Prinzip: Es zählt erst einmal nur 2024. Wie eine Politik, die nur den nächsten Wahltermin im Auge hat.

In einem Klub sind die Aufgaben eines Sportdirektors klar umrissen; in seine Verantwortung fällt vor allem die Kaderplanung, die Transferpolitik. Es geht darum, die Leistungsträger zu halten oder mit Gewinn zu verkaufen, Talente zu verpflichten, gute Verträge zu machen. Bei der Nationalmannschaft gibt es das alles nicht.

Einen Sportdirektor, der sich nur ums Sportliche kümmern soll und der nicht zuständig ist für Ausbildung, für Verbandsstruktur, für das große Ganze, den hat der DFB schon. Das ist der Bundestrainer.

Minister ohne Geschäftsbereich

So bleibt Völler tatsächlich die Aufgabe des Stimmungsmachers. Da kann man schnell in der Rolle des Grüßaugusts enden. Ein Minister ohne Geschäftsbereich.

Rudi Völler hat fast 20 Jahre lang bei Bayer Leverkusen versucht, den Spagat hinzubekommen: Auf der einen Seite einen Klub zu repräsentieren, der wegen seiner Nähe zum Bayer-Konzern immer noch kritisch gesehen wird und unbestritten zu den Klubs zählt, die die Champions League im Kopf haben. Auf der anderen Seite den Plebejer zu geben, der der Modernität im Fußball eher zurückhaltend gegenübersteht und für den das markige Interview immer noch Teil des Kerngeschäfts ist.

Dieser Spagat ist ihm gut gelungen, dennoch ist er am Ende immer einer aus dem Establishment geblieben. Uli Hoeneß, auch Hans-Joachim Watzke sind ähnlich gestrickt – Volkstribun und Populist zu sein, aber gleichzeitig und vorrangig den Fußball immer weiterzutreiben in die Auswüchse des Kommerzes. Das funktioniert, aber es ist letztlich eine Masche.

Herkunft des Kommentars: Peter Ahrens schrieb für den SPIEGEL über Völlers Inthronisierung, die vergangene Woche von DFB-Präsident Neuendorf und Vize Watzke (siehe Foto oben) auf einer Pressekonferenz verkündet wurde. Ahrens’ Beitrag ist nun auch auf unserem Portal nachzulesen. Wir bedanken uns dafür.

Ausgesucht von der alten Garde

Völler ist der Mann des Spitzenfußballs, einer fürs Sky-Interview, sicher niemand, der sich der Sorgen des Amateurfußballs annehmen soll oder der Belange der Frauen im DFB. Einer aus der alten Garde, ausgesucht von der alten Garde.

Die Taskforce des Verbandes, die die Aufgabe hatte, einen Kandidaten oder eine Kandidatin für diesen Posten zu suchen, besteht aus sieben Alphatieren der Bundesliga, Völler selbst ist dort Mitglied. Als DFB-Boss Bernd Neuendorf diese Personen im Dezember vorstellte, von Watzke über Karl-Heinz Rummenigge bis Oliver Mintzlaff, hätte man ahnen können, was dabei herauskommt. Die kleine Lösung, einer aus dem eigenen Stall. Einer von uns. Wir machen das mit den Fähnchen.

Fredi Bobic, der Hertha-Geschäftsführer, sollte es eigentlich werden, so war zumindest der anfängliche Plan. Auch da hätte man skeptisch sein können, auch er ist ein Kind des Bundesliga-Kosmos, und sein Erfolg in Berlin ist bisher überschaubar, aber ihm hätte man zumindest zugetraut, den einen oder anderen Stein umzudrehen. Dem Vernehmen nach war Bobic dem DFB aber zu teuer. Das sagt viel aus, vor allem darüber, wie beim DFB, der einst im Geld versank, gewirtschaftet worden ist.

Kein Zeichen der Ermutigung

Es ist aus Sicht von Völler ehrenwert, dass er sich dieser Aufgabe annimmt, sich erneut in die Pflicht nehmen lässt, er hätte es nicht nötig gehabt, war schon im Ruhestand. Aber ein Zeichen des Aufbruchs, ein Zeichen der Ermutigung, ein Zeichen, dass sich was dreht beim Deutschen Fußball-Bund, sähe sehr anders aus.

Vor fast 20 Jahren, als der junge Stürmer und Dränger Jürgen Klinsmann beim DFB anheuerte und plötzlich alles anders schien, sollte der damalige Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters DFB-Sportdirektor werden. So wollte es Klinsmann, so wollte es Oliver Bierhoff an seiner Seite. Das ließ sich damals nicht durchsetzen, es gab aus dem Verband zu viel Widerstand. Einer von außen, so kurz vor der Heim-WM, nein, das ging nicht. Viel scheint sich beim DFB seitdem nicht verändert zu haben.

Vielleicht funktioniert es ja sogar, und diese mutlose Personalie ist am Ende ein Erfolg, und alle feiern sich 2024 dafür. Es wäre diesem DFB und dieser Nationalmannschaft zuzutrauen.

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