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Inklusion im Sport: Hollywood verändern

Auf den Spuren des Codes für wirklich inklusive Großveranstaltungen: Eine hochkarätige Runde diskutierte Herausforderungen und Chancen, Aufgabenstellungen und Erfolge des inklusiven Sports auf der SPOBIS-Konferenz 2023 in Düsseldorf. 

[ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

Von Frank Heike

 

Das größte internationale Sportereignis in Deutschland seit den Olympischen Spielen 1972 steht bevor – aber kaum jemand weiß davon. Oder? „Wir müssen die Menschen darauf aufmerksam machen, dass es Limitierungen gibt“, sagt Dennis Trautwein, Managing Director von Octagon Deutschland und Frankreich, „denn das ist die höchste Hürde – die Hürde ins Bewusstsein der Menschen.“

Wenn vom 17. bis 25. Juni 7000 Athletinnen und Athleten die 16. Special Olympics World Games in Berlin feiern, soll die deutsche, europäische und weltweite Öffentlichkeit diese neun Tage auf den Sport von Menschen mit geistiger Behinderung schauen.

Die Special Olympics sind eine globale Inklusionsbewegung, die Menschen nicht nur durch Sport, sondern auch durch Gesundheits- , Bildungs- und Qualifizierungsprogramme auf dem Weg zu mehr Anerkennung und Selbstvertretung unterstützt.

 

Die breite Öffentlichkeit erreichen

Eines der größten Ziele der Special Olympics ist dabei, nicht unter sich zu bleiben, sondern eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen, wie Gerd Graus sagte, der Direktor Media & Broadcasting des riesigen Events in der Hauptstadt. Er präsentierte den Gästen im Saal beiläufig die neueste Ausgabe der VOGUE Germany, in der drei deutsche Athletinnen der Special Olympics portraitiert werden – ein medialer Meilenstein.

Denn die breite Öffentlichkeit wisse zu wenig über Menschen mit Behinderungen. Oder wie es Craig Spence sagte, der Chief Brand and Communication Officer des Internationalen Paralympischen Komitees: „Jeder, ob Regierung, Unternehmen oder Fernsehsender, will das richtige machen. Aber die Kenntnisse der Menschen über Behinderungen sind sehr gering.“ Auf der Erde gebe es 1,2 Milliarden Menschen mit Behinderungen; 15 Prozent der Weltbevölkerung.

Wobei Craig Spence schon viel weiter dachte und das Publikum staunen ließ, als er seine Vision von Inklusion mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles formulierte: „Hollywood ist der am wenigsten inklusive Ort der Welt. Was mich antreibt ist, dass wir die Paralympics 2028 nutzen, um den Wandel in Hollywood, in der Unterhaltungsindustrie zu triggern.“ Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer, dass der Wandel hin zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft vom Sport angestoßen werden könne: „Sport war und ist immer ein Katalysator für Veränderung“, sagte Dennis Trautwein, Gastgeber des Talks.

Illustre Runde beim SPOBIS (von links nach rechts): Craig Spence (IPC), Dennis Trautwein (Octagon), Ruby Steel (Studio Exception) und Gerd Graus (Special Olympics Berlin) im Dialog. Thema: Echte Inklusion, wie sie – siehe Titelfoto – Daniela Huhn (r.) und ihre Unified-Partnerin Andrea Eichner (l.) beim Badminton-Training für die Special Olympics World
Games vorleben. (Foto: Octagon)

 

Venues inklusiv ausstatten, und zwar richtig

Längst werden Dinge bei der Einrichtung eines Veranstaltungsortes mitgedacht, die vor 20 Jahren noch eine bestaunte (oder bejubelte) Ausnahme waren. Trautwein brachte das Beispiel der Zugänglichkeit auf und sagte: „Der Gedanke ist gut, eine Rampe für Rollstuhlfahrer:innen einzuplanen. Das ist längst unerlässlich. Aber das bedeutet, zwei Zugänge zu haben. Echte Inklusion bedeutet, sich zu fragen: Warum haben wir nicht nur einen Zugang? Denn bei zwei Zugängen separierst du schon, und Menschen fühlen sich abgegrenzt.“

Mit solchen Fragen beschäftigt sich Ruby Steels Beratungs-Unternehmen „Studio Exception“. Vor dem Einrichten von Veranstaltungsorten sucht Steel eine „Hero Person“ heraus, beispielsweise einen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung: „Wir verbringen viel Zeit mit dieser Person, um ihre Bedürfnisse, ihre Perspektive zu verstehen. Dann legen wir los und designen mit dieser, für diese untypische Person. Denn wir sind überzeugt, wenn du etwas so inklusiv wie möglich designst, hilft es allen.“

Medialer Meilenstein: VOGUE Germany porträtiert die Special Olympics Athletinnen Natascha Wermelskirchen, Heidi Kuder und Tamara Röske (von links nach rechts) der deutschen Weltspiele-Delegation. Foto: Neda Rajabi für VOGUE Germany.

 

Die alternde Gesellschaft

Steel sprach alle an, indem sie an eine älter werdende Gesellschaft dachte und sagte: „Es ist ja nicht die Frage von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Es ist die Frage von behinderten und noch nichtbehinderten Menschen.“

Aus Partnersicht und aus Kostensicht sei die Frage nach dem Sinn wirklicher Inklusion schnell beantwortet. Trautwein sagte: „Ja, es wird mit Kosten verbunden sein, aber das zahlt sich auf lange Sicht aus.“ Beispielsweise setzten die Olympischen Spiele 2024 in Paris die Messlatte für Partner und Sponsoren sehr hoch, was Inklusion beträfe: „Das sichert ein anständiges Level von Erreichbarkeit und Inklusion, was das Design und den Aufbau des Veranstaltungsortes betrifft.“

Weltrekordspringer Markus Rehm, einer der ersten großen Paralympics-Stars in Deutschland, erzielt Weiten, mit denen er auch im Wettkampf gegen Weitspringer ohne Behinderung ganz weit vorne landen würde.

 

Auf dem Weg zur „love brand“

Craig Spence ging einen Schritt weiter und sagte: „Wenn du in die Paralympics investierst, wertest du deine Marke zu einer „love brand“ auf.“ Er erinnerte daran, wie sich der Autobauer Toyota auch durch sein paralympisches Engagement von einem Auto-Konzern zu einem Mobilitäts-Kontern entwickelt habe: „Wenn du mit Leuten arbeitest, die anders sind als du, bekommst du ein besseres Produkt. Eine inklusive Belegschaft hat einen riesen Nutzen für deine Firma und dein Produkt. Denn da sind so viele Ideen, die du als jemand ohne Beeinträchtigung nie gehabt hättest.“

Eine gute Idee könnte sein, sich die Special Olympics ab dem 17. Juni in Berlin oder im Fernsehen anzuschauen – die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen großformatig, was Gerd Graus sehr freut.

 

 

Sportjournalist Frank Heike (52) schreibt seit vielen Jahren als Korrespondent regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der gebürtige Flensburger ist zudem Mitglied der Hamburger Medienmannschaft. Neben Fußball und Handball gehören Sportbusiness-Themen inzwischen zu Heikes Kern-Expertise.

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