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Olympia 2021? Die Japaner denken positiv

Ein Interview von Frank Schneller mit Max Duchow (33), Hamburger Ostasien-Wissenschaftler und Japanologe.

[RINGE | GESELLSCHAFT]

 

Im Zuge der verschobenen Olympischen Spiele von Tokio aufs Jahr 2021 greift hinter den Kulissen zunehmend die Ungewissheit um sich, ob nicht auch eine Olympia-Austragung zum neuen Termin in Gefahr gerät. Abseits von Sportpolitik, Virologie- und Pandemie-Wissenschaft wirft das auch die Frage auf, was eine erneute und dann endgültige Absage der Spieler im Gastgeberland Japan anrichten würde – insbesondere auch mit Blick auf die Gemütslage der Bevölkerung.

Olympisches Feuer: Herr Duchow, was machte und macht die Verschiebung der Olympischen Spiele mit der japanischen Seele?

Max Duchow: Um diese Frage adäquat zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen. Am 7. September 2013 bekam Japan den Zuschlag, die Olympischen Spiele im Sommer 2020 auszutragen. Das war ziemlich genau 18 Monate nach der fürchterlichen Situation rund um das sogenannte „Jahrtausendbeben“, das die japanische Ostküste im März 2011 traf und verheerende Schäden anrichtete. Die Konsequenzen aus dem Reaktorunglück an der Küste der Präfektur Fukushima tragen die Japaner (und wohl nachhaltig die Weltgemeinde) noch immer. Während also alle Einwohner Japans noch mit den unmittelbaren Konsequenzen der atomaren Bedrohung rangen, wurde Tokyo zum olympischen Austragungsort für das Jahr 2020. Die Freude nicht nur des Stabes der japanischen Regierung, der bei der Vergabezeremonie anwesend war, war nicht zu übersehen. Auch die Bevölkerung nahm diese Information ähnlich begeistert auf. Es handelt sich bei diesen Spielen also nicht nur um eine rein sportliche Angelegenheit, sondern um etwas, das den Japanern, mehr als alles andere in der Nachkriegszeit, einen positiven Schub gibt. Dass dies jetzt durch ein weiteres, diesmal globales Problem verschoben werden musste, sticht ins Herz.

Olympisches Feuer: Und was bedeuten Verschiebung und Verunsicherung rund um den neuen Termin für die japanische Wirtschaft?

Max Duchow: Einbrüche sind absolut zu erwarten. Ein Bekannter, dessen Firma mit der Organisation des Medienzentrums eines der Teilnehmerländer beauftragt war, verlor postwendend den Auftrag. Was für ihn schon schlimm genug ist, zieht natürlich einen Rattenschwanz hinter sich her. Lokale wie nationale Zulieferer verlieren damit gleichzeitig ihre Aufträge. Es gibt zudem viele Firmen, die zwar keinen direkten Bezug als Auftragnehmer haben, von denen aber viele einen beträchtlichen Teil ihres Geschäftes auf die Spiele ausgelegt hatten. Sie müssen dies nun entweder in ihrer Planung revidieren oder hoffen, dass die Spiele 2021 stattfinden.

Olympisches Feuer: Wie stark sind die verschobenen Spiele aktuell im Bewusstsein der Menschen in Tokio?

Max Duchow: Durch die Pandemie und die damit verbundenen Probleme rund um COVID-19 hat sich das Augenmerk mit Sicherheit erstmal in andere Bereiche verlagert. Jedoch ist Zuschauersport auch in Japan ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens, allen voran mit Baseball, Fußball, Basketball und Sumo. Wenn man in den vergangenen Monaten durch die Zeitungen und Zeitschriften blätterte, waren Beiträge zum Sport, inklusive der Hintergrundberichte zu den Olympischen Spielen, meist im Kontext von Verschiebungen, Abbrüchen und gesetzlichen Restriktionen – also negativ. Dies hat auch an Tokyo 2020 seine Spuren hinterlassen.

Olympisches Feuer: Lässt sich die Flamme buchstäblich neu entzünden?

Max Duchow: Ich denke schon. Ihre Begeisterungsfähigkeit ist noch immer eine der schönsten Charakterzüge der Japaner. Die letzten Sommerspiele auf japanischen Boden im Jahr 1964 sind für viele Japaner immer noch mit positiven Dingen verbunden, z.B. dem Beweis der wiedererstarkten Wirtschaft oder dem Schnellzug Shinkansen zwischen Tokyo und Osaka. Ähnliche Romantik könnte auch dieses Mal entfacht werden. Gerade auch vor dem Hintergrund der bereits genannten Schwierigkeiten der letzten Jahre. In Japan wird gerne das Bild von der Widerstandskraft und dem unbedingten Willen einer Person oder Gruppe als ein positives Beispiel hochgehalten.

Olympisches Feuer: Welche Haltung nehmen die Gastgeber nun ein in der Gemengelage rund um die Frage, ob Spiele 2021 stattfinden können? Sind sie vorsichtig und skeptisch? Optimistisch? Forsch?

Max Duchow:: Die Regierung wird zweifelsohne eine stringente Marschrichtung vorgeben. Getreu dem Motto: „Das kriegen wir hin. Punkt.“ Der Premierminister Abe Shinzo sieht sich ja als ein „Starker“, auf den sich das Volk verlassen kann. Der wird die Gemeinschaft in dieser Frage nicht „im Stich lassen“. Seit er sein Amt jetzt zum zweiten Mal ausfüllt, hat er sich in den vergangenen Jahren auch zunehmend mit ähnlich denkenden Politikern umgeben, die wohl in die gleiche Kerbe schlagen würden. Spannender zu beobachten, ist, wie die Bevölkerung damit umgeht. Die Tendenz geht zum positiven Denken. Wenn es ein Problem gibt, wird weiter gemacht. Positive Parolen werden aufgestellt. Es wird aber mit Sicherheit auch einen nicht unerheblichen Anteil an der Bevölkerung geben, der das Unterfangen Tokyo 2021 skeptisch sieht. Da solche Ansichten normalerweise im öffentlichen Forum nur milde oder gar nicht verbalisiert werden, wird der optimistische Wortlaut allerdings dominieren.

Olympisches Feuer: Wenn jemand das halbwegs gut hin bekommt, dann die Japaner – kann man das so formulieren?

Max Duchow: Pauschal lässt sich das schwer sagen. Die Japaner sind allerdings geografisch bedingt und historisch belegt krisenerfahren. Sollten die Spiele tatsächlich stattfinden, kann man davon ausgehen, dass Japan als Ganzes dieses Großevent angemessen stattfinden lässt. Ob das aus gesundheitlicher Sicht zu vertreten wäre, ist eine andere Frage…

Olympisches Feuer: Die japanische Alltags-Disziplin als Garant, die Spiele trotz weiterer Widrigkeiten durch zu ziehen?

Max Duchow: Garant. Ein gewichtiges Wort angesichts der Umstände. Man darf von einer Bereitschaft ausgehen, den Vorgaben der Regierung bzw. des Veranstalters im Falle einer Austragung zu folgen. Jeder, der schon einmal in Japan bei einem Sportevent war, hat ein Bild vor Augen: Sicherheitskräfte mit Mikrophonen, die die Gäste in ordentliche Reihen organisieren; fast ausschließlich akkurates Verhalten und Befolgung der Einweisung durch die Gäste; geduldiges Warten in Schlangen. In diesem Kontext kann man sich durchaus vorstellen, dass etwaige Sicherheitsvorkehrungen von der einen Seite konsequent auferlegt und von der anderen Seite her befolgt werden.

Olympisches Feuer: Wird es unter den neuen Umständen Olympia-Flair geben?

Max Duchow: Unmöglich hervorzusagen. Die bereits genannte Begeisterungsfähigkeit der Japaner wird sich zweifelsohne zeigen. Japaner sind allerdings hervorragend darin, „die Luft zu lesen“ – wie sie selbst sagen. Also zu erfassen, wie es den anderen im Raum geht. Sollte durch  die Gäste der anderen Länder, bedingt durch deren Umgang mit der Situation, ein unterschwelliges Unbehagen mitschwingen, werden die japanischen Gastgeber das aufgreifen. Inwiefern sich das dann auf die gesamte Stimmung bei den Spielen auswirkt, ist schwer zu antizipieren. Gerade vor dem Hintergrund, dass uns in jüngerer Vergangenheit eine ähnliche Situation zum Vergleich fehlt.

Olympisches Feuer: Was würde eine endgültige Absage mit der japanischen Volksseele anrichten?

Max Duchow: Es gäbe natürlich auf jeden Fall viele, die sehr enttäuscht wären. Darüber hinaus wäre es maßgeblich, wer die Entscheidung zur Absage erteilt. Sollte es tatsächlich intern entschieden werden, wäre die Entscheidung wahrscheinlich großflächig akzeptiert. Sollte es extern passieren, durch das IOC, gäbe es von einigen mit Sicherheit ein gewisses Ressentiment gegenüber dieser Instanz, die „die Japaner im Stich lässt“. Auch wenn es nicht so verbalisiert werden sollte, wäre es mit Sicherheit das Gefühl nicht weniger Einheimischer. Sollte es zu einer Absage kommen, wird die Entscheidung darüber sicher außerhalb Japans getroffen.

 

Beitragsfoto: Laci Perenyi /Picture Alliance

Max Duchow: privat

Frank Schneller (50), Sportjournalist und Themenproduzent aus Hamburg. Seine Laufbahn begann Frank Schneller beim SportInformationsDienst, arbeitete dann viele Jahre in der Redaktion der Sport-Bild. Seit 2001 arbeitet  Schneller als Freelancer und ist seit 2011 Leiter des Reporter- und Dienstleister-Netzwerks Medienmannschaft.

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