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Die Effektivität der Waffen

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Der Anti-Doping-Kampf unterliegt einem Paradigmenwechsel: Weil die bisherige Fahndung mit Testverfahren so teuer wie uneffektiv ist, setzen Fachleute für die Zukunft auf Polizei- und Geheimdienstmethoden.

Ende Januar hatte der frühere österreichische Skilangläufer Johannes Dürr noch einmal einen Auftritt im Zusammenhang mit seiner Leistungssportvergangenheit. Der Mann, der mit seinen Enthüllungen in und nach dem ARD-Film „Gier nach Gold“ ein gutes Jahr zuvor noch zu einer Art Kronzeugen gegen einen Dopingring aufgestiegen war, musste sich selbst als Angeklagter vor dem Innsbrucker Landesgericht wegen Sportbetruges und Dopings verantworten.

Dürr war vor der Verhandlung nervös gewesen. Es stand viel auf dem Spiel. 2014 während der Olympischen Spiele in Sotschi war er durch gezielte Kontrollen als Doper mit dem Ausdauer steigenden Stoff Epo enttarnt und anschließend strafrechtlich verfolgt worden. Das Strafverfahren war seinerzeit vor einer Anklage beendet worden. So galt Dürr zwar nicht als vorbestraft, natürlich aber schon als Wiederholungstäter. Dann war herausgekommen, dass Dürr umgehend die Fortsetzung seines Dopings zum Comeback geplant und gar während der Dreharbeiten zum ARD-Film erneut Blutdoping betrieben hatte. Angedroht waren bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, Gefängnis also.

Doch die Vorsitzende Richterin Martina Eberherr signalisierte früh neben detaillierter Akten- und Zusammenhangskenntnis, dass sie Dürrs Enthüllungsbeitrag sehr wohl gewahr war. Er sei, lobte die promovierte Juristin, „vollkommen, reumütig, geständig“ und habe „in einem fast schon schmerzhaften Ausmaß zur Aufklärung“ beigetragen. Johannes Dürr hat seine Sportfreunde von früher, die er vor Gericht gebracht hat, verloren. „Dass die mal so richtig sauer auf Sie sind, ist ja klar“, sagte die Richterin. Und weil er sich gleich auch noch beruflich neu orientieren muss, seit er vom Zoll in der Folge seiner kurzzeitigen Festnahme fristlos gekündigt wurde, schlussfolgerte sie: „Sie haben fast alles verloren.“

Er zahlt einen hohen Preis für eine grundsätzlich lobenswerte Initiative. Die Auswirkungen von Johannes Dürrs Aussagen sind immens: Zwei deutsche Ärzte, davon einer aus Erfurt als Drahtzieher, Helfer, mehrere Trainer und insgesamt 23 Athleten sind inzwischen von deutschen und österreichischen Ermittlern im Rahmen der von ihnen „Operation Aderlass“ getauften Untersuchung als Beteiligte am organisierten Doping identifiziert worden. Die ersten Verfahren gegen Athleten sind in Österreich bereits mit mehrmonatigen Haftstrafen auf Bewährung abgeschlossen worden, die Anklage gegen den vermutlichen Haupttäter, den Mediziner Mark Schmidt aus Thüringen, soll im Sommer in München verhandelt werden.

Am Fall Dürr und seinen Folgen lassen sich entscheidende Entwicklungen des Anti-Doping-Kampfes erkennen. Zuvorderst zählt die sich inzwischen verstetigende Erkenntnis dazu, dass die Entdeckung des Sportbetruges ausschließlich mit Dopingkontrollen, anfangs gar ausschließlich im Wettkampf, reine Alibifunktion hatte. Sie dienten allein den Sportmächtigen im Internationalen Olympischen Komitee und großen Sportverbänden dazu, der Welt eine entschiedene Verteidigung der Ehrlichen vorzuheucheln. Doch die Erfolgsquote blieb dauerhaft mies, selbst mit der Verfeinerung aller Analysemethoden: Etwa ein Prozent der Proben werden positiv getestet, obwohl jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge in die Art des Doping-Kampfes investiert werden.

Wie schon bei der Überführung des kalifornischen Dopinglabors Balco oder des früheren Radprofis Lance Armstrong brauchte es stattdessen bei dem hinter Dürr stehenden Ring polizeiliche Methoden, reihenweise dopende Athleten zu enttarnen, die im Kontrollsystem weitgehend unauffällig geblieben waren. Erst über ein verändertes Strafrecht mit einer Strafbarkeit auch der Athleten, die IOC und Deutscher Olympischer Sportbund lange zu verhindern suchten, gelangen dann auch entscheidende Schläge gegen deren Hintermänner.

Wesentliche Grundlagen hat die Überarbeitung des Welt-Anti-Doping-Kodex 2015 geliefert. Er hielt Regierungen dazu an, Vorsorge dafür zu treffen, dass öffentliche Stellen relevante Erkenntnisse und Informationen mit Anti-Doping-Organisationen teilen. Der Kodex lieferte der Welt-Anti-Doping-Agentur zudem offiziell die Grundlage, eigene Untersuchungen durchzuführen, so dass 2016 eine eigene Abteilung gegründet wurde.

Die Operation Aderlass liefert Beispiele für den Sinn der Kooperationen. So hat die federführende Münchner Staatsanwaltschaft unter den 23 Sportlerkunden des mutmaßlichen Dopingarztes Schmidt gerade aus Deutschland mehrere Athleten ermittelt, deren Dopinghandlungen nach ihren Erkenntnissen strafrechtlich dem Verfolgungshemmnis der Verjährung unterliegen. Sportrechtlich hingegen sind bei den Radprofis und dem Eisschnellläufer aufgrund der doppelt so langen Verjährungsfrist von nun zehn Jahren dagegen noch Ahndungsmöglichkeiten gegeben. Nur durch die Weitergabe der Informationen der Strafermittler an Deutschlands Nationale Anti-Doping-Agentur sieht sich diese in der Lage zu untersuchen, inwiefern Athleten belangt werden können.

Sogar die NADA, die jährlich bisher Bilanzen herausgibt, die im wesentlich auf Testverfahren beruhen, folgt dem Trend. Als ihre Chefin Andrea Gotzmann im vergangenen Oktober einen Medientag eröffnete, kündigte sie eine Gesprächsrunde zu Anti-Doping 2.0 an: Ermittlungsarbeit im Stile von Polizei oder Geheimdiensten, auf Englisch „Intelligence & Investigations“.

„Schließlich belegt die Operation Aderlass den Nutzen und die Wirkweise des Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland beispielhaft und – fast schon – mustergültig“, sagte Gotzmann, „damit ist der von der NADA auch schon im Vorfeld der Etablierung des Anti-Doping-Gesetzes prognostizierte Grundsatz ‚Dopingkontrollen allein werden langfristig nicht ausreichen, um kriminelle Dopingtäter, Hintermänner und organisierte Strukturen aufzudecken‘ bestätigt.“

Schon ein knappes Jahr zuvor hatte die NADA in einer weitgehend unbeachtet gebliebenen, dünnen Pressemitteilung ihren Paradigmenwechsel offengelegt. Sie werde „im Rahmen ihrer Intelligence & Investigations-Arbeit mit der Sportradar AG zusammenarbeiten“. Das private Unternehmen werde „bei der Nachforschung und Ermittlung dopingrelevanter Sachverhalte“ eingebunden. „Hochmoderne Technologie wie Big Data Analyse wird den internationalen Anti-Doping-Kampf digitaler und damit effektiver machen”, wurde Andreas Krannich, der Managing Director Integrity Services von Sportradar, zitiert.

Über kurz oder lang steht damit ein Verteilungskampf um die knapp gehaltenen Ressourcen des Anti-Doping-Kampfes an: Intelligence & Investigations-Experten werden mit ihren Erfolgen größere Teilhabe an dem einst exklusiv dem Test- und Laborbereich vorbehaltenen Geldtopf beanspruchen. Der Gesamtetat der NADA lag 2019 bei etwa zehn Millionen Euro, der der WADA bei gut 36 Millionen Euro.

Die Ermittler in der Operation Aderlass haben ihre Ergebnisse weitgehend durch den Einsatz aller sich bietenden strafprozessualen Maßnahmen erzielt: allen voran der Telekommunikationsüberwachung von Verdächtigen, ihrer Observation und Hausdurchsuchungen. Privaten Fahndern von Anti-Doping-Organisationen oder Dienstleistungsunternehmen wie Sportradar stehen nicht ganz so effektive Waffen zur Verfügung.

Doch lassen sich Erfolge zuweilen schon durch clevere Computerprogramme erzielen, die etwa in der Lage sind, soziale Medien zielgerichtet abzusuchen und auszuwerten. Gelegentlich gelingt es, so ganz einfach tatsächliche Standorte von Spitzenathleten über deren eigene Einträge, die von Kollegen oder Fans akkurater zu bestimmen oder zu überprüfen als über die Pflichtangaben im Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur.

Zudem mühen sich die Institutionen und Unternehmen für die Aufklärungsarbeit, das Know-how der staatlichen Ermittler pfiffig einzubinden: Sie werben immer wieder erfahrene Kriminalisten ab. In der Welt-Anti-Doping-Agentur wird die Abteilung vom Deutschen Günter Younger geleitet, der zuvor dem bayerischen Landeskriminalamt und als Drogenfahnder bei Interpol diente. So hat die WADA auch dann Erfolge vorlegen können, als ihr aus dem IOC stammender, im Januar abgelöster Präsident Craig Reedie eigentlich eher eine Verhinderungspolitik fuhr.

Youngers Abteilung konnte für die WADA zuletzt erst die weitreichenden Manipulationen in der Moskauer Labordatenbank nachweisen, die zur Suspendierung Russlands von zwei Olympischen Spielen führte. „Ich bin in meiner Arbeit nie eingeschränkt worden. Ich habe intern berichtet, aber es hat sich nie jemand eingemischt“, sagt Younger, „sonst hätte ich auch sofort aufgehört.“

Der Skilangläufer Johannes Dürr bekam eine vergleichsweise milde Strafe vom Innsbrucker Landesgericht aufgebrummt: 15 Monate Haft zur Bewährung sowie 720 Euro Geldstrafe. Am schwersten wiegt ein Rechtskonstrukt, dass in Österreich „Verfall“ genannt wird und dafür sorgt, dass einem Delinquenten alle Vermögenswerte, die er für die Begehung seiner Straftat oder durch sie erlangt hat, abgenommen werden. Es droht auch dafür zu sorgen, dass sich künftig Doper schwerer tun, als Whistleblower aufzutreten – genauso wie die Tatsache, dass in Deutschland für sie noch keine Kronzeugenregelung eingeführt wurde. Whistleblower aber bilden eine elementare Quelle für alle Intelligence & Investigations-Einheiten.

Der Österreicher Dürr hatte sein abseits des Verbandes eigenständig durchgeführtes Comeback mittels weit über hundert Geldgebern in einem Crowdfunding und durch einen Sponsor finanziert. Die insgesamt 52 000 Euro, die dadurch zusammenkamen, muss er binnen fünf Jahren an die Staatskasse zahlen. Weil er sowieso schon von nur 1200 Euro monatlichem Arbeitslosengeld lebt und auch noch jeweils 400 Euro davon als Alimente für sein Sohn abgeben muss, hat er nun mitten in seiner Ausbildung zum Maschinenbauer düstere Aussichten: Dürr ist faktisch pleite.

Foto: picture alliance / ZUMA Press

HaJo Seppelt ist preisgekrönter Reporter und Experte für Doping und Sportpolitik im deutschen und internationalen Sport. Er ist Gründer und Chefautor der Produktionsfirma “EyeOpening.Media”. Jörg Winterfeldt ist Autor und Redakteur bei “EyeOpening.Media”.

One thought

  • Als aktiver Dopingkontrolleur bin ich der Meinung, dass Doping weltweit viel härter bestraft werden müsste. Dass die nationalen Verbände da oft “blocken”, ist m.E. bereits schon eine “grobe Unsportlichkeit”!

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