
Ist Deutschland überhaupt noch eine (Spitzen-) Sportnation?
Teamsport-Stelldichein in Melsungen: Wie lebt es sich eigentlich als junger Profisportler in Deutschland, wenn man nicht die Aussichten hat, durch den Sport Millionen zu verdienen? Wie wichtig ist ein zweites Standbein abseits des Spitzensports? Wie fühlt es sich an, alles für seinen Sport zu geben, selbst wenn die breite Öffentlichkeit davon nur bedingt Notiz nimmt? Warum macht man das überhaupt? Und was muss sich in Deutschland ändern, damit allen Spitzensportlerinnen und -Sportlern die Aufmerksamkeit, Anerkennung und Unterstützung zuteilwird, die ihnen zusteht? Fragen über Fragen.
Dimitri Ignatow (26, Handballprofi bei der MT Melsungen), Julius Hayner (24, Hockey-As beim Crefelder HTC) und Semir Kaymakci (20, ehemals Fußballtorwart bei der SpVgg Greuther Fürth) trafen sich zum kritischen und sehr persönlichen Meinungs- und Gedankenaustausch in den Räumlichkeiten des Handball-Topklubs MT Melsungen. Der dort für Nachwuchsarbeit und Strategien verantwortliche Vorstand Axel Renner hatte die drei jungen Teamsportler zu diesem außergewöhnlichen Brainstorming eingeladen.
Das Trio hatte sich viel zu erzählen. Und mit Blick auf den deutschen Sport viel zu sagen. Das ausführliche Gespräch kann demnächst hier auf der Website nachgelesen werden.
Über die Athleten:

Semir Kaymakci:
„Seit ich mit drei Jahren das erste Mal gegen einen Ball trat, spielte ich immer Fußball – allerdings zunächst als Feldspieler, nicht als Torwart“, erinnert sich Semir Kaymakci. Semir, 2004 geboren, besuchte das Gymnasium, baute vor zwei Jahren sein Abitur. Seine fußballerische Karriere nahm Fahrt auf, als er 2015 von der SpVgg. Greuther Fürth zum Probetraining eingeladen wurde. Dass er als Keeper ein Ausnahmetalent ist, wurde schnell klar. Er pendelte täglich zwischen seinem Heimatort und Fürth zum Training, dank der bedingungslosen Unterstützung seiner Eltern. Die Belohnung: Ein Profivertrag beim mittelfränkischen Zweitligisten. Diesen aber löste er im Sommer 2024 im beiderseitigen Einvernehmen mit der SpVgg. auf. Ein mutiger, beeindruckender Schritt. Aktuell ist er vereinslos – „und glücklich. Denn ich schaue in viele andere Bereiche des Lebens, halte mich fit und suche mir neue Herausforderungen. Ich bin für vieles offen.“ Ob er noch einmal zurückkehrt? „Ich schließe es nicht aus, aber aktuell stehen die Vorzeichen anders“.
Julius Hayner:
So jung und doch schon acht Bundesliga-Spielzeiten im Rücken: Julius Hayner (24), geborener Düsseldorfer und mittlerweile auch dort wohnhaft, hat sich schon früh dem Hockey-Sport verschrieben. „Ich bin damit aufgewachsen, habe nie was anderes gemacht“, sagt er, „so richtig leistungsmäßig fing es dann mit zwölf, 13 Jahren an, als die Einladungen zu den Auswahlmannschaften hinzukamen: erst regional, dann ab 16 zur Nationalmannschaft“. Julius spielte in Neuss und Düsseldorf, durchlief alle U-Auswahlteams, von der U16 bis zur U21. Dort erlebte er auch sein bisheriges Karriere-Highlight: Die WM in Indien, bei der die DHB-Junioren Silber gewannen. In der A-Nationalmannschaft debütierte er 2022. Mit dem Wechsel vom Düsseldorfer HC zum Crefelder HC vor zweieinhalb Jahren ist er auch auf Vereinsebene in der deutschen Spitze angekommen. „Hier trainieren und spielen wir einfach nochmal auf einem anderen Level, auf einem anderen Niveau. Alles ist deutlich professioneller als in meinem Heimatverein“, sagt er. Neben seiner Hockey-Laufbahn studiert Julius BWL – und ist auf der Zielgeraden, „endlich“.
Dimitri Ignatow:
Dass er überdurchschnittliches Talent hat, zeichnete sich früh ab. „Schon in der Ball AG im Grundschulalter war ich der Lehrerin aufgefallen. Sie hatte zum Glück ein gutes Auge“, erinnert sich Dimitri Ignatow, geboren in Kasachstan und 2005 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. 2015 entdeckte ihn die MT Melsungen und holte ihn von seinem Jugendverein zu sich. In Melsungen wurde alles profesioneller, dort durchlief er alle Ausbildungsstufen. „Es zeichnete sich ab, dass es mit einer Bundesliga-Laufbahn klappen könnte“, sagt er. Um Spielpraxis zu sammeln, spielte er zwischenzeitlich auf Leihbasis für die Zweitligisten Eintracht Hildesheim und TUSEM Essen, ehe er in der Saison 2022/2023 zur MT zurückkehrte und seitdem auf Rechtsaußen auf Torjagd geht. Mit der deutschen U16 und U18-Auswahl holte er jeweils EM-Bronze. Parallel zu seiner sportlichen Laufbahn absolvierte ‚Dimi‘ eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. „Diese habe ich jetzt abgeschlossen – was sich richtig gut anfühlt. In dieser Saison bin ich das erste Jahr Vollprofi, mache also weder Schule noch Ausbildung nebenher, sondern konzentriere mich voll auf Handball.“