Die deutschen Bobsportlerinnen Laura Nolte und Deborah Levi (Bildnachweis: picture alliance / picture alliance / Team D | Frank May)
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Medien-Präsenz als Extra-Portion Selbstvertrauen? Eine Frage des Typs.

Aufwändige Medienproduktionen, gestiegene TV-Präsenz und die damit verbundene Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sind für viele abseits des Rampenlichts aktiven Top-Athletinnen und -athleten eine Bestätigung, aus der sie sogar Kraft für den Wettkampf schöpfen können. Es kommt allerdings darauf an, wie sie damit umgehen, plötzlich im Rampenlicht zu stehen.

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Von Frank Schneller

Mediale Präsenz gleich höherer Bekanntheitsgrat gleich bessere Vermarktungschancen – diese Formel ist simpel und bekannt. Beim Kampf der Sport-Asse abseits des Fußballs um mehr mediale Aufmerksamkeit und ein besseres, angemessenes Standing in der Öffentlichkeit stellt sich indes eine zusätzliche Frage, der bislang nur selten nachgegangen wurde: Was bewirkt größere Wertschätzung in Form viel beachteter, hochqualitativer oder ausgefallener Medienaktionen außerdem? Laut Magazinmacher Oliver Wurm eine Menge. Im Zusammenhang mit der Produktion seiner Hochglanz-Olympiahefte berichtet er im Interview (siehe diese Ausgabe des Newsletters) von zahlreichen Dankesnachrichten seitens der Aktiven – und davon, dass diese betonten, wie gut es ihnen getan habe, einmal eine derartig aufwändige und wertschätzende Produktion mitgemacht zu haben. Der Auftritt im Sportstudio ist oftmals Belohnung für große Taten. Die große Story vor dem entscheidenden Wettkampf indes ist, worauf sich Wurm bezieht.

Dabei denkt man freilich sofort an das spektakuläre Shooting mit Sportgymnastin Darja Varfolomeev, die als Covergirl gleich mehrere Titelblätter der Paris-Ausgabe des Hamburger Medienmachers zierte. Und dann Gold holte. Oder an die „verrückte“ Aktion rund um die Bob-Asse Laura Nolte und Deborah Levi, die von mehreren Kameras begleitet mit ihrem Sportgefährt durch die Frankfurter Innenstadt brausten – ein Highlight der Ausgabe vor den Winterspielen in Mailand und Cortina. Dort holte das Duo Gold, nachdem Nolte zunächst Silber mit dem Monobob gewonnen hatte. Oliver Wurm erklärt die Wechselwirkung mit den meist nahe der Anonymität lebenden Olympia-Helden so: „Wir sind angetreten, den Sportarten abseits des Fußballs eine Printbühne zu bauen. Ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Meine Bewunderung und Hochachtung vor ihnen ist durch die Arbeit an den Magazinen enorm gestiegen. Sie berühren uns, geben uns auch viel zurück, lassen uns sehr nah ran, nehmen sich Zeit, schenken Vertrauen. Und nehmen umgekehrt durch die erfahrene Bestätigung im Idealfall zusätzliches Selbstvertrauen mit in die Wettkämpfe.“

Nur Wunschdenken eines idealistischen Blattmachers? Keineswegs. „Laura hat eine derart aufmerksamkeitsträchtige Aktion natürlich beschwingt und zusätzlich motiviert“, bestätigt Stefan Backs, vormals Journalist und seit Jahrzehnten als Berater in der Fußballbranche tätig. Nolte – erste deutsche Bobfahrerin mit zwei olympischen Goldmedaillen und Weltmeisterin – ist seine einzige Klientin abseits des Fußballs. Er kann Vergleiche anstellen und ist der Auffassung: „Laura repräsentiert eine Reihe von Ausnahmesportlerinnen und-sportlern, die mal abgesehen von großen Wettkämpfen wie Olympia oder WM zumeist ohne mediales Echo ihrer Passion nachgehen. Neben aller intrinsischen Motivation, immer ans eigene Limit zu gehen, gibt es natürlich auch Faktoren wie steigende Aufmerksamkeit und Wertschätzung durch die Öffentlichkeit, die sie anspornen“, erklärt der Medienprofi, „wenn dann jemand wie in diesem Fall einen solchen Aufwand betreibt, um den Bobsport in ein solch spektakuläres Licht zu rücken, ist das eine Aufwertung. Das macht was mit ihr“.

Ähnliches weiß auch Heiner Köpcke zu berichten. Der Sportfotograf hat über Jahrzehnte selbst Kultstatus erlangt mit seinen aufsehenerregenden Bildproduktionen – sei es für Magazine wie Sportbild oder Stern, Bücher und bei Werbe-Shootings für die Sponsoren vieler zumeist weiblicher Asse in den Individual-Sportarten. „Ich erinnere mich an das erste große Shooting mit Regina Halmich – noch bevor sie Weltmeisterin wurde. Sie lebte regelrecht auf und hat offenkundig großes Selbstbewusstsein daraus geschöpft, nicht mehr anonym zu sein.“ Halmich habe sich bei diesen Aufnahmen „womöglich selbst erst richtig kennengelernt“, glaubt Anke Naefke, HR-Business-Coach, systemische Beraterin und Mentalcoach im Sport. Sogar Reginas Eltern hätten Köpcke das nach den Aufnahmen bestätigt. „Wie ausgewechselt“ sei sie gewesen. Der Rest ist Boxgeschichte.

Raus aus der Nische. Hockey-Jungnationalspieler Julius Hayner fordert die Medien auf, kreativer zu sein: „Man muss nur genau hinschauen und recherchieren – wir Sportlerinnen und Sportler aus den olympischen Disziplinen haben so viel gute Geschichten zu bieten – die liegen auf der Straße. Man muss sie aber eben auch aufsammeln.“ Auch im Sinne der Aktiven. Hayner betont, dass diese zwar stets von einer besonderen Portion Eigenmotivation und Herzblut angetrieben werden, dass aber eine größere Wertschätzung in Form von besonderen medialen Formaten zusätzlichen Rückenwind bringe.

Ein weiterer Aspekt daran: „Wer dann durch eine große Story oder Produktion mehr in die Öffentlichkeit rückt, empfindet natürlich auch eine zusätzliche Verpflichtung, im Wettkampf abzuliefern und nicht zu enttäuschen“, so Stefan Backs. „Und das“ sagt Heiner Köpcke, „kann noch eine Extra-Umdrehung Motivation bedeuten“. Wenngleich das typ-abhängig sein dürfte. „Werden derartige Medienaktionen professionell und aufmerksam begleitet, können sie einen guten Effekt haben, aber eine positive Wirkung auf die sportliche Leistung erkenne ich nicht grundsätzlich“, relativiert Anke Naefke, „so etwas kann auch nach hinten losgehen, denn mit empfundenem, aufkommendem Druck muss man erst einmal umgehen können. Und Medienrummel kann durchaus Druck auslösen – oder den Fokus beeinträchtigen“. Es käme stets auf eine gesunde Einordnung an, sagt sie. Auch Faktoren wie die eigene Biografie, das Alter und das Umfeld spielten dabei eine Rolle.

Franziska van Almsick (Bildnachweis: picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON)

Fotokünstler Heiner Köpcke kann auch das bestätigen: Er hat zahlreiche Olympia-Stars abgelichtet, vielen von ihnen zu mehr Glanz und Aufmerksamkeit verholfen, ihr Selbstwertgefühl gestärkt. Aber: Er hat auch mit Franziska van Almsick gearbeitet. Die war noch Kind, als sie zum Medienstar wurde. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona war ihr Stern aufgegangen, in Atlanta vier Jahre später war der Medienrummel und der entstandene Erwartungsdruck rund um den Superstar der deutschen Olympiamannschaft größter Gegner der Weltklasseschwimmerin. „Bei Franziska war es vielmehr angezeigt, sehr wählerisch und reduziert vorzugehen bei Foto-Shootings oder Werbeaufnahmen – ihr konnte man in vielen Phasen eher helfen, wenn man sie aus der Öffentlichkeit heraushielt“, erinnert sich Köpcke. „Jeder hat seinen eigenen Weg, damit umzugehen – muss diesen Weg oftmals auch erst einmal finden“.

Anja Althaus, Ex-Handballnationalspielerin und heute Managerin des DHB-Frauenteams, hat ihren Umgang damit zu aktiven Zeiten gefunden. Wie sie auf einer Podiumsdiskussion der MT Melsungen, bei der diskutiert wurde, ob Bekanntheit von Sportlern gleichbedeutend sei mit ihrer Wiedererkennbarkeit, jüngst berichtete, habe sie das Phänomen der Bestätigung vor allem in ihren späteren Auslandsjahren selbst erlebt. In Mazedonien beispielsweise, wo Handballstars in der Öffentlichkeit wie Nationalhelden gefeiert werden, schenkte ihr an der Kasse eines Supermarkts in Skopje ein Rentner strahlend einen Schokoriegel – damit sie bei Kräften bleibe Er hatte sie erkannt. Aus der Halle und von unzähligen Storys in den Medien. „Das“, so Althaus, „hat mich berührt und dazu geführt, dass ich im nächsten Training und im nächsten Spiel noch einen Schritt mehr gemacht habe, nur um diesen Mann nicht zu enttäuschen“.

Ihr männlicher Kollege Julian Köster indes hatte als einer der aufstrebenden Handball-Youngster noch vor Paris eine große Story in Oliver Wurms Olympia-Magazin abgelehnt: Zuviel Rummel. Eineinhalb Jahre später hat er einer TV-Doku zur EM, gemeinsam mit Juri Knorr, zugestimmt. Ein Reifeprozess des mittlerweile gestandenen Bundesligaprofis. Oliver Wurm sollte ihn als Kandidat für die L.A.-Produktion wieder auf dem Radar haben.