Oliver Wurm in seinem Element (Bildnachweis: Julia Schwendner)
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Entrepreneur auf olympischem Terrain: „Friedlich. Freundlich. Großartig.“

Oliver Wurm wohnt in der Hafencity Hamburgs. Aber er „lebt“ dort, wo er arbeitet. Erfindet: Auf dem Kiez. Mitten auf St. Pauli. Hier hat der Medienmacher seine Büro- und Lagerräume. Die Übergänge sind fließend. Das Kunterbunte, die Abwechslung, die Dynamik und Nähe zu den Menschen in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn sorgen genau für den energetischen Background, den er braucht. „Lebendiges Umfeld, lebendige Magazine“, lautet eine der Formeln des Bundesverdienstkreuz-Empfängers – der einstige Fußballjournalist hatte die geniale Idee, das Grundgesetz als Magazin aufzulegen. Inzwischen ist er großer Olympia-Fan. Warum, erklärt der Entrepreneur im Interview mit Frank Schneller.

[ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

Wenn jemand nach Ihrem Beruf fragt – was antworten Sie? Wie sehen Sie sich?

„Wenn ich ein Profil anlege, bei LinkedIn oder so, mich akkreditiere oder den Presseausweis beantrage, schreibe ich in die Maske zuerst: Journalist. Und erst als zweites: Medienunternehmer. Daran hat sich in 20 Jahren Selbstständigkeit nie etwas geändert. Alles, was ich medienunternehmerisch aufsetze, hat immer einen journalistischen Anspruch. Weil ich aber meine Produkte heute größtenteils auch selber finanziere, vermarkte und vertreibe, bin ich eben zusätzlich noch Unternehmer.“

Ihre Erfolge als solcher sind in der Medienbranche ja bekannt. Beschreiben Sie uns doch vielmehr mal sich selbst. Was treibt Sie an? Oder: Was treibt Sie um?
„Ich bin sehr Ideen-getrieben. Wobei ich immer sage: Andere haben auch gute Ideen, oft bessere. Aber bei mir kommt diese extreme Umsetzungs-Energie dazu. Ich liebe nichts mehr, als Neues zu starten. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtet Hermann Hesse. Das trifft es. Je unbekannter das Terrain, desto spannender. Dass ich mal ein Lyrik-Magazin herausgebe, hätte ich vor Corona auch nicht gedacht. Im März erweitere ich das Portfolio um ein Gedichteheft für Kinder. So was passiert, wenn man einfach mal anfängt. Better done than perfect.“

Ihre Olympia-Magazine waren jüngst wieder in aller Munde. Nicht zuletzt anlässlich der Winterspiele. Auch Ihr Portfolio an speziellen Themenheften wächst und gedeiht. Sie lieben – wie Sie sagen – alles, was mit der Produktion eines Magazins zu tun hat. Von der Idee bis zur Auslieferung, Sie schwärmen vom Geruch eines frisch vor Ihnen liegenden Magazins. Von der Haptik. Sind Sie Romantiker?
„Das hoffe ich doch. Und diesen romantischen Blick auf die Dinge möchte ich mir bewahren. Aber ich bin vor allem Mathematiker. Das Verlagswesen ist ja kein Hobby. Es ist bei jedem Projekt ein Balanceakt zwischen Erfolg und publizistischem Tod. Während der Coronazeit haben viele Print-Mitbewerber am lautesten das Aus von Print betrauert. Ich dachte damals: Jetzt irgendwie durchhalten, dann entsteht Platz im vorderen Regal. Und ein ganz neu gemischter Markt. Die Zeit war sehr zehrend. Manchmal musste auch die Strategie völlig neu justiert werden. Um mal konkret bei der Olympia-Reihe zu bleiben: Wir haben neue, kluge Vertriebswege erarbeitet, sind neben dem Bahnhofsbuchhandel und dem Grosso nun auch immer dort, wo der Sport ist. Aus Anzeigen-Kunden wurden Anzeigen-Partner, die unsere Magazine lesen und verteilen – aber auch leben. Die Zukunft von Print, wie ich es denke, liegt im Special Interest Bereich. Innerhalb dieser Lücken kann man wachsen. Jede Lyrik-Ausgabe liegt im Verkauf über der Vornummer, das Grundgesetz drucken wir zum 77. Geburtstag erneut nach.

Also glauben Sie – wenn man es richtig anstellt – noch an Print?
„Mehr denn je! Wobei ich mich auf den Magazinmarkt beziehe, über Erfolgsstrategien für die gedruckte Tageszeitung habe ich nie nachgedacht. Man muss Print dabei immer 360° denken: Social Media, Newsletter, Podcasts und alles Digitale für die Präsenz – harte Verkäufe dann auf Papier. Hochwertig gedruckt, mit extremer Liebe zum Detail, im Team mit top motivierten Kolleginnen und Kollegen produziert, KI-frei. Leidenschaft schlägt dabei jede Marktforschung.

Wie kriegen Sie die von Ihnen so geliebte Themenvielfalt organisatorisch hin? Wie das Hin- und Herspringen zwischen den (Magazin-)Welten?
„Morgens Goethe, mittags Olympia, nachmittags Fußball, abends Koalitionsvertrag – das geht in der Vielfalt nur, weil ich gelernt habe, redaktionelle und organisatorische Verantwortung abzugeben. An der Stelle werden die lieben Kolleginnen und Kollegen jetzt vermutlich lachen… Aber es wird tatsächlich besser. Man lernt ja dazu. Ich habe die kleinste und zugleich größte Redaktion Deutschlands. Wir stellen Teams projekt-bezogen zusammen. Das sind auch nicht nur Freie. Ich freue mich immer sehr, wenn große Häuser und Redaktionen ihren Top-Leuten kleine Ausflüge in meine One-Shots erlauben. Das ist nicht selbstverständlich. Übrigens: Ein Magazin an den Start bringen und die Leute nicht anständig bezahlen – das kann jeder. Wir honorieren ordentlich, denke ich. Qualität kostet, aber nachhaltig betrachtet ist genau diese hohe Qualität der Schlüssel zum Erfolg. Der große Teil der Sponsoren unseres 2020er Olympiahefts ist uns bis heute treu geblieben.“

Bleiben wir bei den Olympia-Magazinen: Wie erlebten Sie und ihr Team die Zusammenarbeit mit Para-Sportlerinnen und -Sportlern und den Olympionik*innen?
„Als unglaublich inspirierend. Ihre Begeisterung und Dankbarkeit berührt uns, und treibt uns auch an. Wir sind angetreten, den Sportarten abseits des Fußballs eine Printbühne zu bauen. Meine Bewunderung und Hochachtung vor diesen Athlet*innen ist durch die Arbeit an den Magazinen enorm gestiegen. Sie geben uns auch viel zurück, lassen uns sehr nah ran, nehmen sich Zeit, schenken Vertrauen.“

Früher waren Sie – allein biografisch bedingt – ja doch beinahe ausschließlich dem Fußball zugetan. Inzwischen sind Sie bekennender Olympia-Fan.
Ja. Ich wollte, nachdem wir die Sportlerinnen und Sportler mit unseren Magazinen so lange und intensiv begleitet hatten, natürlich auch unbedingt das Flair der Winterspiele vor Ort erleben.

Was haben Sie miterleben können?
Leider war es mir aus Zeitmangel nur möglich, Olympia in Mailand aufzusaugen. Das habe ich dann aber auch in vollen Zügen getan. Es ist einfach sehr besonders, wenn man im Café vor dem Mailänder Dom sitzt und umgeben ist von Sportfans aus aller Welt. Gemeinsam mit einer Gruppe Amerikaner bin ich von dort zum Eishockeyspiel USA gegen Deutschland gefahren. Das fand in der großen Arena statt. Das zweite Gruppenspiel gegen Lettland zuvor fand in einer kleineren Halle auf dem Messegelände statt, direkt nebenan fielen die Entscheidungen im Eisschnelllauf. In der Bahn und auf dem gesamten Gelände war an dem Tag alles fest in der Hand der Holländer – Oranje und gute Laune, soweit das Auge reichte. Friedlich. Freundlich. Großartig!

Hat Sie die Arbeit am Olympia-Heft mit den Athletinnen und Athleten besonders mitfiebern lassen?
Ja. Mein persönlicher Höhepunkt war dann auch die Bronze-Kür unseres Eiskunstlaufpaars. Wir hatten zuvor zwei Cover und ein extrem aufwändiges Modeshooting mit Minerva Hase und Nikita Volodin produziert. Wir hatten in den Tagen vor dem Wettkampf auch noch mal kurz Kontakt über Social Media. Da fiebert man dann noch mal ganz anders mit … Ich war in der Eishalle tatsächlich nervöser als auf der Tribüne beim WM-Finale 2014 in Rio. Wie die Fans in Mailand alle Paare unterstützt haben, wie fair und freundschaftlich die „GegnerInnen“ während des Wettkampfs miteinander umgingen: an solchen Abenden ist der vielzitierte Olympische Geist tatsächlich mit Händen zu greifen.

Rhetorische Frage: Sind Sie ein Befürworter Olympischer und Paralympischer Spiele in Deutschland?
Klar. Und ich verrate Ihnen noch etwas: Als ich zurück in Hamburg war, habe ich spontan meinen Partner Carsten Oberhagemann angerufen und gesagt: „Lass uns noch ein zusätzliches Magazin zur deutschen Bewerbung für die Spiele 2036, 2040 und 2044 planen.” Ich möchte Olympia und Paralympics in Deutschland erleben. Egal ob in München, Hamburg, Berlin oder NRW!