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Stimmung pro Olympia: „Das brauchen wir als Gesellschaft“

DOG-Präsident Gregor von Opel hat unlängst ein flammendes Plädoyer für Olympische Spiele in Deutschland gehalten. Aktive und Protagonisten des Sports müssen freilich nicht von den Vorzügen einer – erfolgreichen – Olympia-Bewerbung überzeugt werden. Wer Olympia erlebt hat, versteht die Magie, die von den Spielen ausgeht. Es geht indes um viel mehr als um den Zauber des Events auf einer Meta-Ebene. Ein Streifzug von Frank Schneller durch wichtige Perspektiven und Aspekte, geliefert aus erster Hand.

[ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

Der Countdown läuft. Vier potenzielle Bewerbungen um die Ausrichtung Olympischer Spiele ab 2036 in Deutschland. München, Hamburg, Berlin, Rhein-Ruhr. Die heiße Phase ist eingeläutet. Einmal mehr polarisieren Für und Wider des größten Sport-Events der Welt das ganze Land. Gesellschaftlicher Konsens – das ist nicht erst seit den ablehnenden Einlassungen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klar – wird es nicht geben. Nicht voll umfänglich. Ein demokratischer Prozess bis zur Ernennung einer deutschen „Candidate-City“ ist stets beeinflusst von der Macht der Argumente, der Macht von Information und Desinformation. Die gescheiterten Versuche Deutschlands in der Vergangenheit belegen dies. Politisch sind nicht nur die Spiele selbst, sondern freilich auch die Bewerbungsversuche. Was ist gut fürs Land? Was für den Standort? Und was nicht?

Was jedem klar sein muss: Wenn es um Olympia geht, geht es unweigerlich um die Bedeutung des Sports für unsere Gesellschaft. Für unser Miteinander. Und ergo, wenn man so will, auch um unser Selbstbildnis. Um uns als Gesellschaft, die längst kein ‚Wir-Gefühl‘ mehr verspürt und schon lange auf einen Impuls wartet, der dies ändern könnte – weder politisch motiviert, noch in tumben Nationalismus begründet oder gar ausartend.

Zu beobachten ist: Wer Olympia selbst noch nicht erlebt hat, wird den Contra-Argumenten deutlich zugewandter sein. Wer schon mal dabei war, ist meist Feuer und Flamme für die Idee, Olympische Spiele hierzulande auszurichten. Gregor von Opel, DOG-Präsident und Fürsprecher einer deutschen Bewerbung, hat im Interview mit unserer Redaktion unlängst viele Nägel auf den Kopf getroffen. Doch wird es auch auf die jeweiligen Kampagnen der Kandidaten ankommen, auf die richtigen Botschaften und nötigen Signale, um die Menschen zu überzeugen. Denn natürlich gibt es sachliche Gegenargumente, die sich nicht einfach so vom Tisch fegen lassen. Aber sie lassen sich womöglich erfolgreich diskutieren und abwägen.

Helfen diesmal die Stimmen aus dem Sport? Welche Argumente ziehen? In welchem zeitlichen und gesellschaftlichen Umfeld müssen sie wirken? Im Rahmen einer Podiumsdiskussion des Handball-Bundesligisten MT Melsungen ging es unlängst um die Bedeutung Olympias für den Sport in unserem Land, um die gesellschaftlichen Auswirkungen und den Spirit in Deutschland. Ob als Aktive(r), als Marketing-Experte oder als Besucher – die Argumentationen der allesamt olympia-erfahrenen Gäste wären für jedes Bewerbungsbuch eine Bereicherung.

Da war zunächst einmal Dennis Trautwein von der globalen Beratungsagentur Octagon, die bei Olympischen Spielen traditionell für viele der IOC-Sponsoren im Einsatz ist. Der Olympia-Experte erklärt: „Olympia ist das größte Event, was man als Nation oder Stadt oder Region ausrichten kann. Es ist ein riesiger Wachstumsmotor für den Sport im Speziellen – und die Region. Auch für mich persönlich ein Riesending, Olympia im eigenen Land zu erleben. Eine Teilnahme als Athletin oder Athlet ist noch einmal herausragender und das noch größere Achievement als die Teilnahme als Funktionär oder Agentur, aber für jeden, der an so etwas im eigenen Land teilhaben kann, ist es eine riesige Inspiration. Jede und Jeder wird wiederum selbst zur Inspiration für das persönliche Umfeld, zum Multiplikator.“ Komme eine Bewerbung aus Europa, habe Deutschland hervorragende Chancen. Was Trautwein etwas umtreibt: „Wir können uns (nur) selber schlagen mit der Bewerbung. Das ist ein bisschen meine Sorge, dass wir keine Einigkeit schaffen. Die geschlossene Front bröckelt am Ende hoffentlich nicht. Wir haben dann hervorragende Chancen, wenn wir mit einer Stimme sprechen.“

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Auch der Funktionär in der Runde, Frank Bohmann – Chef der Handball-Bundesliga –, lieferte gewichtige Argumente. Seine Überzeugung ist: „Olympische Spiele im eigenen Land sind eine riesige Chance – nicht, weil wir dann zwei, drei Wochen hier die Welt zu Hause haben, sondern weil es Investitionen in die Sport-Infrastruktur bedeutet und dass wir den Sport noch einmal viel tiefer verankern, weil es noch einmal ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt.“ Beseelt von seinen persönlichen Erfahrungen in Paris als Besucher und Sportfan, gerade mit Blick auf die völkerverbindende Atmosphäre, kalkulierte er: „Ich glaube, wir haben eine riesige Chance. Jetzt haben wir Los Angeles, dann Brisbane. Arabische Länder werden sich bewerben, Indien wird sich bewerben und nach Europa wird es wieder kommen. Und wenn es nach Europa kommt, hat Deutschland eine große. Chance. Da steht dann Budapest dagegen und Istanbul dagegen. Dem Wettbewerb müssen wir uns dann stellen.“

Bohmann betont: „Unabhängig davon, welche Stadt als Kandidat ins Rennen geht – Olympia würde dem Sport hierzulande extrem helfen, einen angemessenen Stellenwert zu erlangen – zum Beispiel in den Schulen. Sport nicht nur als Nebenfach in der Schule und wenn was ausfällt, dann am besten der Sportunterricht: Da muss ein Umdenken stattfinden, weil es hilft, Leistungsbereitschaft zu fördern, weil es die Gesundheit fördert, weil Sport als Gemeinsamkeit erlebt werden kann.“ Der Ligachef weiter: „Ich habe eine Studie vom DOSB bekommen: Olympische Spiele in Paris haben elf Milliarden Euro gekostet, unglaublich viel Geld, aber davon gingen zwei Milliarden in die Säuberung der Seine, so dass man darin wieder baden kann, was man seit 50 Jahren gar nicht machen wollte. Und es gibt zwei, drei Milliarden weitere Infrastrukturmaßnahmen, die dem Land und der Stadt so gutgetan haben, die man gar nicht direkt Olympia zuordnen kann. Es sind nachher sechs Milliarden, die Olympia tatsächlich gekostet hat. Und der Effekt in den Jahren bis 2032 liegt bei plus 18 Milliarden Euro. So muss man es eigentlich rechnen.“

Anja Althaus, die Olympia als teilnehmende Handballerin erlebt hat, argumentiert unterdessen so: „Olympia ist superwichtig und ist auch enorm für unseren Sport, für alle Sportarten und gerade auch die Infrastruktur. Ich war 2008 in Peking dabei und es war eins der besten Erlebnisse, das ich je erleben durfte. Alleine in dieses Stadion reinzukommen … Ich glaube, wenn Leute sagen können, dass sie bei Olympia dabei gewesen sind; auch als Zuschauer, das zu erleben, ist gigantisch. Ich glaube, da würde sich jeder geehrt fühlen und einen ganz anderen Zugang zum Sport erhalten. Olympia würde Deutschland enorm helfen, Sport wieder mehr zu erleben – dieses Olympia-Feeling zu erleben, die Oympischen Ringe nicht nur im Fernsehen zu sehen.“

Die DHB-Teammanagerin setzt auch auf einen vereinenden und motivierenden Effekt: „Dieser Zusammenhalt, den Olympia spürbar macht, ist überall von Vorteil: Dass man Menschen vereint, dass man insbesondere Kindern etwas gibt, dass sie mehr beim Sport zuschauen, dass sie Bock haben auf Sport. Wenn alle in so einem Olympia-Modus sind, kommst du daran gar nicht mehr vorbei. Das ist ganz wichtig für die Zukunft, dass wir die Kinder noch mehr animieren, zu sagen: Ich will auch mal nach Olympia. Dass wir viel mehr motivieren, dass es etwas ganz Großes ist. Olympia ist das größte Event, das du je haben kannst – und da ein Teil von zu sein, den Kindern das zu zeigen, zusammenzukommen und das Olympia-Feeling zu haben, das gibt so, so viel mehr.

Rio 2016 – Uwe Gensheimer, Finn Lemke und Patrick Wiencek (Bildnachweis: picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Finn Lemke, Handball-Europameister 2016 und bei Olympia in Rio Bronzemedaillengewinner, hat noch einen anderen Aspekt als starkes Argument pro Olympia ausgemacht: „Ich sehe eine klare Leistungsmüdigkeit in unserer Gesellschaft. Es hat viele getroffen, dass Deutschland leistungsmäßig nicht mehr mithalten kann mit vielen wirtschaftlichen Unternehmen aus dem Ausland. Daher glaube ich, dass wir Hurra schreien sollten, wenn uns der Leistungssport im Sinne einer Olympischen Bewerbung wieder dieses Gefühl als Gesellschaft vermitteln kann. Das brauchen wir als Gesellschaft, wir brauchen Leistungsgedanken, wir brauchen Leistungsziele. Was gibt es denn Größeres als das größte Leistungsziel im Sport zu haben, was vorbildlich ist für uns als Gesellschaft, für jeden Einzelnen, für die Kinder, für die Eltern, die das miterleben dürfen?

Der Ex-Profi zieht noch eine weitere Ebene in die Diskussion ein: „Sport hat nicht nur den gesundheitlichen Charakter, wir haben den gesamten Kulturaspekt, den wir damit prägen können für uns als Gesellschaft – als Investitionen in uns als Nation, in unsere Kultur. Diese Bedeutung müssen wir als Gesellschaft verstehen. Daher braucht es längst nicht nur ehemalige Leistungssportler, die den Finger heben und sagen: „Das war immer so schön.“ Wir müssen vielmehr selbst in uns erkennen, wie entscheidend diese Bewerbung ist und wie entscheidend der Leistungssport ist und welches Bekenntnis wir dafür leisten müssen, um endlich als Land, auf der politischen Ebene und auch aus uns selbst heraus: Ja, das will ich, das brauche ich und ja, das brauchen wir als Kollektiv und Gesamtgesellschaft.“

Kopf, Bauch und Herz: Wenn es darum geht, eine präzise, stimmige und effektive Kampagne pro Olympia durchzuführen, Aufbruchsstimmung zu erzeugen, fernab von Lippenbekenntnissen und Alibis, sind stichhaltige Fakten und Stringenz, vor allem mit Blick auf die wirtschaftlichen Fragen, natürlich unabdingbar. Wer solche Stimmen wie die hier aufgeführten hört, dem wird allerdings auch klar: Die Bewerbung braucht: Ein Verständnis für die Kraft des Sports. Und gewiss nicht zuletzt auch: Seele.