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Inklusion im Spitzensport: all inclusive?

Wie behindert muss man sein? Das fragte Anfang August die Deutsche Welle. Die ketzerische Frage ist nicht neu, sie ist ungefähr so alt wie die Paralympischen Spiele selbst, aber sie hat einen aktuellen Anlass: Neun Rollstuhlbasketballer:innen bekamen kurz zuvor vom internationalen Verband den Bescheid, künftig nicht mehr für ihre Nationalteams spielberechtigt zu sein, weil ihr Handicap nach den neuen Kriterien des Internationalen Paralympischen Komitees dafür nicht mehr ausreicht.

Ein Schlag ins Gesicht für die Akteur:innen einer Sportart, die vielleicht wie keine zweite für Inklusion im Leistungssport steht. Rollstuhlbasketball bringt Athlet:innen aus verschiedenen Behindertenklassen auf einem Spielfeld zusammen, auch solche, die im Alltag nicht (ständig) auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Schätzungen zufolge kann eine:r von drei Aktiven gehen, mal mehr, mal weniger. Je nach Grad ihrer körperlichen Beeinträchtigung erhalten sie zur Klassifizierung eine Punktzahl, von einem Punkt bei großen Behinderungen bis zu 4,5 bei geringen Einschränkungen. Die Gesamtpunktzahl aller fünf Akteur:innen auf dem Feld darf 14,5 nicht übersteigen. So einfach, so rechnerisch, so inklusiv. Im Ligabetrieb sind sogar Korbjäger:innen unterwegs, die gar kein Handicap aufweisen. Dadurch steigt die Zahl der aktiven Rollstuhlbasketballer:innen – aktuell sind es hierzulande circa 2.500 – und damit das Niveau. Davon profitieren letztlich auch die Nationalmannschaften.

Die Spielführerin des deutschen Damenteams heißt Mareike Miller und ist selbst im Alltag „Fußgängerin“. Nach mehreren Knieverletzungen als Teenagerin musste sie ihre olympische Leistungssportkarriere aufgeben und wechselte in den Para-Bereich. Auf dem Feld geht die Paralympics-Gewinnerin von 2012 mit der Maximalpunktzahl von 4,5 auf Körbejagd. Mit der Neudefinition des Codes, bei der auch ihre Teamkollegin Barbara Groß durchs Raster fiel, ist sie nicht einverstanden.

„Unglaublich, ungerecht und unethisch“ findet sie die Änderungen, die ihrer Meinung nach mehr Grauzonen schaffen als beseitigen. „Einzelne Krankheitsbilder oder Einschränkungen werden von vorneherein ausgeschlossen, weil ein genau vorgegebener Zusammenhang zwischen Erkrankung und Einschränkung nicht vorliegt – obwohl die Einschränkungen nachweisbar sind“, erklärt Miller, Athlet:innensprecherin der Rollstuhlbasketballer:innen.

Zwischen nationalem und internationalem Fachverband sowie Internationalem Paralympischen Komitee gibt es Uneinigkeiten, jeder Fall – weltweit geht es um neun ausgeschlossene Aktive – wird nun nochmals von beiden Seiten individuell geprüft. Miller mag die Formulierung eigentlich nicht, stimmt aber zu: „Am Ende geht es tatsächlich um die Frage, wann ist ein Mensch behindert genug, um Behindertensport zu betreiben.“

Ein Wort, das Markus Rehm nicht ausstehen kann. Er hasse diese Bezeichnung, durch die im Kopf falsche Bilder entstünden. „Paralympischer Sport ist Leistungssport und das sollen die Leute auch wahrnehmen“, sagt der einseitig unterschenkelamputierte Weitspringer, der seit neun (!) Jahren auf internationaler Ebene im Para-Sport ungeschlagen ist. Diese Einschränkung ist wichtig, suchte er doch immer wieder neue Herausforderungen und dabei auch den Vergleich mit der stärkeren, nicht gehandicapten Konkurrenz. 2014 hatte Rehm für großes Aufsehen gesorgt, als er Deutscher Meister in der Weitsprung-Konkurrenz der olympischen Athleten geworden war.

Er ist Vorkämpfer und Wortführer beim Streben nach mehr Inklusion im Spitzensport – der anvisierte Start bei Olympischen Spielen blieb ihm bislang aber verwehrt. Schlimmer noch: Der internationale Verband stellte die Regel auf, dass Athlet:innen den Nachweis erbringen müssten, keinen Vorteil durch das Tragen einer Prothese zu haben. „Wenn man das auf alle anwendet, müsste eigentlich jede oder jeder eine Studie vorlegen, die beweist, dass sie oder er sauber ist. Das ist doch absurd“, findet Rehm.

Obwohl er die Forderung des Verbandes als unfair zurückweist, nahm er 2016 an einer entsprechenden Studie teil. Doch selbst Wissenschaftler:innen aus den USA, Deutschland und Japan konnten die Frage des möglichen Vor- oder Nachteils nicht abschließend klären. Der Verband hielt weiter an seiner Regel fest – die nun aber vom Internationalen Sportgerichtshof CAS gekippt wurde. Ab sofort muss der Verband eine eventuelle Vorteilsnahme nachweisen, die Beweislast hat sich also umgekehrt.

Womit sich für Markus Rehm die Tür zu Olympia möglicherweise wieder öffnet. Rein rechtlich könnte er jetzt, sofern er die Norm erfüllt, sein Startrecht sogar einklagen. Doch so weit will Rehm nur im Extremfall gehen, zunächst hofft er, mit dem Verband neu ins Gespräch zu kommen. „Mir geht es darum, allgemein gemeinsame Wettkämpfe zu fördern“, sagt der 32-jährige dreifache Paralympics-Sieger. „Ich möchte zeigen, dass der Sport verbinden kann – und da geht es mir nicht um Medaillen. Solange wir die Frage nach dem Vorteil einer Prothese nicht klären können, bin ich weiter offen für Starts mit getrennten Wertungen.“

Einer, der gewissermaßen den entgegengesetzten Weg geht wie Rehm, von Olympischen zu Paralympischen Spielen, ist Robert Förstemann. Der Bahnradsportler, 2012 Gewinner einer olympischen Bronzemedaille im Teamsprint, strebt inzwischen paralympische Ehren an. Der 34-Jährige war 13 Jahre lang Mitglied der Bahnradnationalmannschaft, wurde Welt- und Europameister und wechselte 2019 zum Deutschen Behindertensportverband. Seitdem bildet er dort ein Gespann mit dem sehbehinderten Kai-Kristian Kruse, Förstemann steuert als sogenannter Guide das Tandem der beiden. „Anfangs war mein Umfeld sehr überrascht, aber der Disziplinwechsel hat für mich nochmal ganz neue Herausforderungen gebracht“, sagt der Berliner. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem es mir nicht mehr nur wichtig ist, Zeiten oder Rekorde zu knacken, sondern auch noch einmal andere Dinge zu erreichen, in gesellschaftlicher Hinsicht.“

Die Entscheidung sei zwar nicht über Nacht gefallen, aber die Anfrage von Kai Kruse, sein neuer Guide zu werden, habe ihm gefallen, und es freue ihn, diesen auf dem Weg nach Tokio und darüber hinaus zu unterstützen. „Ich habe meine ganze Karriere für mich allein gekämpft. Jetzt trage ich zusätzlich auch Verantwortung für Kai“, sagt Förstemann.

Im Izu Velodrome in Tokio: Kai-Kristian Kruse aus Deutschland und sein Pilot Robert Förstemann (vorne) beim 1.000-Meter-Zeitfahren.
Im Izu Velodrome in Tokio: Kai-Kristian Kruse aus Deutschland und sein Pilot Robert Förstemann (vorne) beim 1.000-Meter-Zeitfahren.

Dazu gehört auch, die Sportart mehr in den öffentlichen Fokus zu rücken. Aus dem gemeinsamen Krafttraining heraus entwickelte das Duo ein Workout mit geschlossenen Augen, das sie im Frühstücksfernsehen vorstellten und so Werbung für ihren Sport machten.

„Was nach Bronze und Silber kommen soll, ist klar“, gab Kruse bereits zu Beginn der Partnerschaft mit Förstemann das Ziel  für Tokio vor. Doch die Konkurrenz ist hart. „Zehn von 20 Tandems fahren um die Medaillen mit“, schätzt Förstemann, „die Leistungsdichte wird immer größer.“ Denn vermehrt ziehe es auch frühere Konkurrenten aus dem olympischen Sport zum Tandemfahren. „Sie alle hier wiederzutreffen, das ist schon eine heiße Nummer.“ Aus Sicht des Duso enttäuschend: In Tokio fuhren sie auf Platz 4.

Eine solche Konkurrenz ist Paula Brenzel eher fremd. Die 21-Jährige ist Guide der nahezu blinden Ski-alpin-Fahrerin Noemi Ristau und in dieser Rolle zumindest im deutschen Para-Ski-alpin-Team einzigartig. Als Jugendliche verfolgte Brenzel eigene Ambitionen, hatte die große Ski-Karriere aber bereits mit 15 für sich abgehakt. Nach dem Abitur erhielt sie das Angebot, ihre hessische Landsfrau Noemi Ristau kennenzulernen und einmal mit dem Para-Team mitzufahren. Ristaus bisheriger Guide Lucien Gerkau hatte seine Karriere nach den Paralympics 2018 beendet. Zwischen Brenzel und der neun Jahre älteren Weltcup-Siegerin passte es sofort, das gegenseitige, im wortwörtlichen Sinne „blinde“ Vertrauen war schnell da.

Inzwischen bilden die beiden seit zweieinhalb Jahren ein „Blindenpärchen“, bis zu 120 Tage im Jahr sind sie gemeinsam unterwegs. Brenzel fährt auf der Piste knapp voraus und gibt Ristau über ein im Skihelm eingebautes Headset die Kommandos. Von der Deutschen Sporthilfe wird sie genauso gefördert wie gehandicapte Athlet:innen: Im Top-Team Paralympics und als Studentin mit dem Deutsche Bank Sport Stipendium. Was mittlerweile routiniert und eingespielt ist, war für die junge Sportlerin anfangs eine Überwindung: „Zuvor hatte ich keinerlei Kontakt zum Para-Sport. Mehr noch: Es ist beinahe erschreckend, wie wenig ich über Behindertensport wusste und wie weit weg das Thema von meinem Alltag war.“

Anfangs habe sie häufig Berührungsängste und Hemmungen im Umgang mit den Athlet:innen gehabt – selbst davor, an der falschen Stelle ihre Hilfe anzubieten. Vor allem bei den Rollstuhlfahrer:innen, aber auch bei Ristau, die nur noch über zwei Prozent Sehkraft verfügt. Das Team nahm ihr jedoch schnell alle Ängste, heute ist sie ein selbstverständlicher Teil der erfolgreichen deutschen Para-Ski-alpin-Mannschaft. „Dadurch habe ich mich persönlich sehr weiterentwickelt und viel dazugelernt“, sagt die Sportmanagement-Studentin, die sich selbst als „Guide und Para-Skisportlerin“ bezeichnet und damit im direkten Kontakt häufig großes Interesse bei ihren Gesprächspartner:innen weckt. Gemeinsames Ziel des Gespanns Ristau/Brenzel sind die Paralympics 2022 – und damit auch eine größere mediale Aufmerksamkeit für das Thema Inklusion im Leistungssport.

Der Text stammt aus dem Sporthilfe-Magazin go!d – Ausgabe 4/2020 [SPORTHILFE | SPORTHILFE ‘gold’ | RINGE | MENSCHEN]

Fotos: Beitragsfoto: picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl  | Text: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Die Deutsche Sporthilfe portraitiert in ihrem Magazin “gold” Sportlerinnen und Sportlern und gibt auch den Lesern und Leserinnen des Olympischen Feuers die Gelegenheit, mehr über die Menschen zu erfahren, die wir ansonsten allzu oft nur durch ihre sportlichen Erfolge kennen. [SPORTHILFE | SPORTHILFE GOLD | RINGE | MENSCHEN]

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