Posted on / by Olympischesfeuer / in Allgemein, Gesellschaft

„Großartig, wie diese EM in Deutschland angenommen wurde“

Weltmeister auf dem Feld, mehrmaliger Deutscher Meister als Spieler und Trainer, ein Faible für Nachwuchsarbeit: Volker Schneller (85) kann auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückgreifen, wenn es um Handball geht. Natürlich hat er auch die EM in Deutschland aufmerksam verfolgt und erlaubt sich im nachfolgenden Interview einige Vergleiche zwischen früher und heute, kritische Anmerkungen sowie ein paar progressive Gedanken.

[ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT]

Redaktion

 

Olympisches Feuer: Herr Schneller, erneut konnte ein internationales Handball-Event in Deutschland Millionen Zuschauer begeistern, Sie auch? Und was sagen Sie zu unserem Team?

Volker Schneller: Ich habe natürlich keine Minute Spielzeit unseres Teams am TV versäumt und meine schon, dass der vierte Platz im eigenen Land von einer großen Handball-Nation wie wir es sind und mit diesen Bedingungen das Mindeste ist, was man erhoffen durfte. Großartig, wie die EM von Deutschland angenommen wurde, große Hochachtung auch den Organisatoren des DHB, soweit ich das aus dem TV-Sessel beobachten konnte.

 

Olympisches Feuer: Was konnte Sie überzeugen, wo setzt Ihre Kritik an?

Volker Schneller: Das Team hat fast durchgängig großartige Abwehrarbeit geleistet und auch offensiv phasenweise überzeugen können, vor allem der junge Uscins hat die Erwartungen sicherlich weit übertroffen. Erfreut hat mich das herzerfrischende Angriffsverhalten von ihm, der seine eher kleinere Statur für einen Halbspieler technisch super kompensierte – von Vorteil war dabei auch, dass man ihn international noch nicht so sehr auf dem Schirm hatte.

Kritisch erlaube ich mir aber anzumerken, dass über das Turnier hinweg die Kluft zwischen großartigen Einzel-wie auch gebundenen Aktionen von fast allen deutschen Akteuren einerseits und bösen Patzern andererseits schwer zu verstehen ist, sie war einfach zu groß, um sich wirklich in der Weltspitze zu behaupten. Vielleicht kann man das auf den in Teilen recht jungen, unerfahrenen Kader zurückführen – was dann wenigstens hoffen lässt, dass wir wirklich sehr gute Perspektiven haben. Wenn zudem das Positionsspiel noch facettenreicher wird. Es wurde ja viel über die angeblich mangelnde Breite im Kader gesprochen. Ich fände es gut, wenn auch das Thema Angriffskreativität diskutiert würde.

Renars Uscins gehörte aus deutscher Sicht zu den Entdeckungen der EM. Der U21-Weltmeister nutzte seine Chance im Konzert der Großen.

 

Olympisches Feuer: Sie wurden 1966 mit der Bundesrepublik der letzte Feldhandball-Weltmeister. Trauen Sie sich da mal einen Vergleich zu?

Volker Schneller: Auf das Handballspiel allein bezogen ist dies nicht möglich, es sind zwei völlig verschiedene Disziplinen. Wir waren auf dem Großfeld ständig Wind und Wetter ausgesetzt, die Saison begann im März und fand Ende Oktober mit den Endspielen zur Deutschen Meisterschaft ihren Abschluss. Danach ging es umgehend in die Halle, sofern man denn eine hatte und spielte die Hallensaison. Zu den Endrunden kamen durchaus bis zu 30.000 Zuschauer pro Spiel, sonst aber war der Zuspruch eher bescheiden und regional unterschiedlich.

Die Umstellung vom Großfeld auf die 40 mal 20 Meter große Hallen-Spielfläche war etwas leichter als umgekehrt, wo plötzlich die “Markierungen” für die Weite und den Raum bei Pässen über 20-30 Meter im Hintergrund fehlten und der Ball je nach Wetter oft nach 50 Minuten ein halbes Pfund schwerer war als am Anfang, vom Wind ganz abgesehen.

Gleichwohl denke ich, dass meine Kameraden des WM- Teams wie Lübking, Karrer, Porzner, Munck oder auch ich selbst mit Bestzeiten auf 100 Meter knapp über 11 Sekunden, Karrer sogar unter dieser Marke, zunächst mal gute Voraussetzungen hatten, heute zu bestehen. Auch mussten wir in der Vorbereitung auf die WM alle 20mal 100 Meter unter 13 Sekunden mit jeweils nur einer Minute Pause und fliegendem Start den Ball dabei tippend durchlaufen, dies zeugt sicher auch von einer gewissen Kondition. Das trifft auch auf den Umgang mit dem Spielgerät zu, denn wir kannten noch kein Harz, mussten aber über Nacht mit teils nassen, schmutzigen Lederbällen zurechtkommen.

Wären wir parallel zur Entwicklung des Hallenhandballs so gefordert und gefördert worden wie dies heute der Fall ist, behaupte ich: Ja, Lübking oder Karrer auf der halblinken Position, Porzner in der Mitte und Munck Rechtsaußen hätten auch heute mit den Besten Schritt halten können, diese Prognose traue ich mir zu, zumal wir alle ja auch schon mehrfach in der Halle für Deutschland spielten, Lübking bekanntlich besonders erfolgreich.

 

Olympisches Feuer: Sie sprachen von “gefördert”. Beispiele?

Volker Schneller: Nur zwei ganz kleine Beispiele: Wir mussten für Lehrgänge und die WM- Teilnahme unseren Urlaub einsetzen, fuhren während der WM in Österreich von einem Spielort zum nächsten mit dem Schlafwagen, um am Ankunftstag in Salzburg um 15 Uhr zu spielen. Kurzum- wir waren Amateure im klassischen Sinne, die heutigen Topspieler sind zumindest Halbprofis. Das ist absolut kein Neid und keine Wertung, zeigt aber, dass Andy Wolff und seine Kollegen für den weitaus höheren Aufwand auch angemessen entschädigt werden, von ausländischen Stars ganz abgesehen.

 

Olympisches Feuer: Dann hat es wohl für den Gewinn der WM im Juli 1966 auch nur bescheidene Prämien gegeben?

Volker Schneller: Es gab keinen Pfennig, und das stand damals auch nie zur Debatte. Wir bekamen vom Bundespräsidenten Heinemann das Silberne Lorbeerblatt überreicht, dazu von adidas und Hummel Sportschuhe sowie vom DHB-Präsidenten Otto Seeber aus München den bayerischen Löwen in Form einer herrlichen Porzellan-Figur, und ich darf versichern- wir waren auch so stolz und glücklich über den Erfolg.

Spieler, Trainer, Reporter: Volker Schneller kann auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückgreifen, wenn es um Handball geht.

 

Olympisches Feuer:  Sie haben beginnend 1956 als Spieler bis zum letzten Traineramt in der 2. Liga 2002 erst als Spieler, dann als Adidas-Betreuer des damals internationalen Handballs auf deutschem Boden sowie als Coach fast fünf Jahrzehnte die Entwicklung der Sportart live erlebt – gibt es Details, die Sie mit einem Blick zurück heute vermissen?

Volker Schneller: 1961 gewann Rumänien in Dortmund den Hallen-WM Titel nach zweimaliger Verlängerung mit 9-8. Das war sportlich gesehen ein Tiefpunkt, aber wohl Mitauslöser für eine nachfolgend rasante Entwicklung, zu deren ersten Höhepunkt das WM- Endspiel 1982 UdSSR gegen Jugoslawien (30-27 nach Verlängerung für die UdSSR; d. Red.) in der Dortmunder Westfallenhalle wurde.

Zuletzt jedoch gab es Veränderungen wie den siebten Feldspieler und die jetzt modifizierte schnelle Mitte, mit der ich nichts anfangen kann. Die zahlreichen irregulären Tore nach Schrittfehlern, Stürmerfouls oder Eintreten in den Torkreis bei Würfen aus der Nahwurfzone werden so gut wie nicht mehr geahndet, weil das Spiel so schnell geworden ist, dass man sich damit “nicht aufhalten will”, da sonst ja die Dynamik verloren geht. Auch das groteske andauernde Ziehen und Zerren an den Trikots und Körpern speziell zwischen sechs und neun Metern, das Huckepack-Tragen eines Gegners am Kreis entlang, alles oft in Zeitlupe am TV zu erkennen, ist nicht dazu geeignet unseren Sport empfehlenswerter zu machen.

 

Olympisches Feuer: Viel wurde am Regelwerk des Hallenhandballs herumgedoktert. Wenn Sie eine einschneidende Änderung, ein Experiment vorschlagen sollten, was würden Sie ausprobieren? Wagen Sie doch mal ein Gedankenspiel.

Volker Schneller: Ich würde es mal sehr interessant finden, wenn man nur mit fünf gegen fünf Feldspieler antritt, wenn Vergehen dazu führen, dass der Übeltäter für zwei Minuten nur ausgewechselt werden muss, dafür aber der Gegner für diesen Zeitraum einen sechsten Feldspieler bringen darf, es also zwei Minuten lang sechs gegen fünf weitergeht. Dann hätten Akteure mit Durchschnitt-Körperlänge von 1,80 Metern auch wieder oder noch mehr Ansprüche und Freude, im Rückraum zu spielen. So wäre unser Spiel im Positionsangriff noch schneller als heute und wir bräuchten nicht die ‚schnelle Mitte‘.

Doch das ist natürlich nur Theorie, und bei fünf gegen fünf würden die technisch alles überragenden Dänen wohl jede Meisterschaft beherrschen. In Köln konnte Frankreich seine überlegene Physis entscheidend durchsetzen und gewann so gesehen glücklich, aber verdient den EM-Titel.

Schreibe einen Kommentar