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„In meiner Welt so normal wie Fernsehen oder YouTube“

von Julia Nikoleit und Frank Schneller (GESELLSCHAFT | ALLGEMEIN | WIRTSCHAFT]

Wenn sich Bjoern Meinel – in der Basketball-Szene besser bekannt unter den Namen KobeBjoern – gemeinsam mit seinem Kumpel Maxx, den man als Maxxsportz im Internet kennt, über die NBA unterhält, erreichen die beiden leidenschaftlichen Fans Woche für Woche abertausende Menschen. Ihr 2018 gestarteter Podcast Das 5. Viertel hat zahlreiche Anhänger gewonnen und sie könnten, das betont Meinel ausdrücklich, „mit der Resonanz nicht zufriedener sein“.

Der 29-Jährige profitiert dabei von dem generellen Podcast-Trend – um es nicht ‚Hype’ zu nennen – der vergangenen Jahre. Von 2016 bis 2020 hat sich die Anzahl der Podcast hörenden Menschen in Deutschland laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage von 14 auf 33 Prozent mehr als verdoppelt. Der Audible Hörkompass 2020 schätzt die Anzahl der Nutzer*innen von Hörbüchern, Hörspielen und Podcasts in Deutschland auf 26 Millionen Menschen – das entspricht acht Millionen Nutzern mehr als noch im Jahr 2017.

„Der Podcast als Produkt hat bewiesen, dass er auf dem Markt bleiben wird“, bestätigt auch Dr. Christoph Bertling, Studiengangsleiter für den Bachelorstudiengang Sportjournalismus an der Deutschen Sporthochschule Köln, die Etablierung des Audioformats. Und obwohl eingefleischte Journalist*innen hinter vorgehaltener Hand schon mal unken, dass nicht wenige Podcasts nur „öffentliches Gerede auf Stammtischniveau“ seien, sieht Bertling einen großen Vorteil: „Podcasts sind eine Möglichkeit, besser zu unterhalten und besser zu informieren – auch im Sportjournalismus.“

Ein für ihn wichtiges Stichwort: Authentizität. „Bei Tageszeitungen werden Interviews oft nachträglich stark umgestellt, um eine Dramaturgie zu schaffen; zudem können Aussagen nachträglich geschliffen werden“, weiß Bertling, der selbst auf über zehn Jahre Erfahrung als Journalist zurückblickt. „Ein Gespräch in einem Podcast ist hingegen erst einmal authentisch.“ Außerdem werde die Person oft greifbarer für den Zuhörer: „Man erlebt die Tonalität, den Aufbau von Argumentationen, die Interaktion mit dem Gegenüber.“

Während Sportler:innen über Podcasts die Möglichkeit haben, sich ihren Fans zu präsentieren, stellt das Format für Fans eine Plattform da, um sich noch einmal auf einer anderen Ebene mit ihrem Sport auseinanderzusetzen. Die Begeisterung und Leidenschaft des Fan-Seins gehören auch bei Das 5. Viertel zum Markenkern. Es sind zwei Faktoren, die Meinel bei anderen Angeboten gefehlt haben. „Ich habe die etablierten Basketball-Podcasts nicht so gerne gehört, weil es sehr analytisch und trocken zur Sache geht, und ich immer das Gefühl hatte, die Person, die dort spricht, nicht kennenzulernen“, beschreibt er. „Wir dagegen sind genauso wie die Fans da draußen, voller Leidenschaft und Spielfreude – wir haben uns einfach nur ein Mikrofon gekauft.“

Dr. Thomas Dorky
Thomas Horky, Professor für Sportjournalismus an der Macromedia-Hochschule in Hamburg

Die Erfolgsgeschichte von Das 5. Viertel ist ein Paradebeispiel für eine Entwicklung, die Professor Dr. Thomas Horky als „Entgrenzung des Journalismus“ beschreibt. Es sind nicht mehr allein Journalist:innen und Verlage, die entscheiden, welche Inhalte publiziert werden – Fans und Sportler:innen schaffen sich längst eine eigene Plattform, um gehört zu werden. Verschwinden werde das Format daher nicht mehr. „Das Interesse ist nicht nur eine kurzfristige Welle, sondern vielmehr aktueller denn je“, ist Horky überzeugt. „Podcasting ist eine Art der Distribution von Inhalten, die gut in die heutige Zeit passt.“

An der Macromedia Hochschule, wo Horky den Studiengang Sportjournalismus lehrt, werden Podcasts inzwischen immer wieder als Prüfungsleistung gefordert. „Für die Studierenden ist das ein großes Thema – wenn sie frei wählen können, entscheiden sie sich immer öfter dafür, Podcasts zu produzieren“, berichtet er schmunzelnd, „dann merken viele allerdings, dass ein bisschen Reden über Sport noch keinen Podcast ergibt.“

Eine überzeugende Recherche, eine gute Dramaturgie und eine gelungene Präsentation: Viele Qualitätsmerkmale des klassischen Journalismus gelten ebenso für Podcasts. Auch der Anspruch des selbsterklärten Nicht-Sportjournalisten Meinel ist hoch: „Qualität steht bei uns ganz weit oben, wir sind akribisch in unserer Vorbereitung“, betont er. „Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Basketball, checken die Fakten und haben auch gerade unser Equipment aufgerüstet, damit die Soundqualität auf dem höchsten Stand ist.“

Die inhaltliche Vielfalt der Podcasts wächst von Monat zu Monat – neben den Fanpodcasts schaffen auch immer mehr Sportler:innen selbst Angebote. Die Fußballer Toni und Felix Kroos riefen Einfach mal Luppen ins Leben, die Biathleten Arnd Peiffer und Erik Lesser plaudern in Das Biathlon Doppelzimmer miteinander und der erfolgreiche Para-Leichtathlet Mathias Mester, der kurz vor Tokio sein Karriereende erklärte, empfängt in KURZ & KNAPP andere Spitzensportler:innen.

Auch die etablierten Medienhäuser kommen längst nicht mehr um das Format herum. Allein der renommierte Kicker bietet inzwischen drei verschiedene Podcasts an, das traditionelle Hamburger Abendblatt rief in den vergangenen Jahren nach und nach sogar 26 verschiedene Kanäle zu unterschiedlichsten Themen ins Leben.

Und auch, wenn manche – dem geschriebenen Wort nach wie vor gewogene – Journalist:innen die Nachhaltigkeit der Podcast-Projekte in Frage stellen oder gar über einen „Podcast-Friedhof“ spekulieren, auf dem viele Produktionsreihen früher oder später landen würden: Verschwinden werden die Podcasts nicht mehr – da sind sich Experten wie Bertling und Horky einig.

Auch für Meinel, der bereits über 130 Episoden von Das 5. Viertel veröffentlichte, sind Podcasts längst ein fester Bestandteil des Alltags: „Meine Freunde und ich schicken uns täglich Podcast-Empfehlungen für die Autofahrt oder das Training im Gym. In meiner Welt sind Podcast so normal wie Fernsehen oder YouTube. Meine Eltern haben hingegen noch nie eine Podcast-Folge gehört. Ich glaube, das ist ein Generationen-Ding.“

Fotos: Beitragsfoto: picture alliance / Zoonar | Cigdem Simsek |  Textfoto: picture alliance / Witters GmbH

Julia Nikoleit ist freie Sportjournalistin und Autorin aus Hamburg. Neben ihrer Tätigkeit im Reporter- und Dienstleister-Netzwerk Medienmannschaft ist der Handball ihr Spezialgebiet. Nikoleit schreibt unter anderem für das Fachportal handball-world und die Handballwoche. Für sportfrauen.net hat Julia Nikoleit ebenfalls schon Texte verfasst.

Frank Schneller, Sportjournalist und Themenproduzent aus Hamburg. Seine Laufbahn begann Frank Schneller beim SportInformationsDienst, arbeitete dann viele Jahre in der Redaktion der Sport-Bild. Seit 2001 arbeitet  Schneller als Freelancer und ist seit 2011 Leiter des Reporter- und Dienstleister-Netzwerks Medienmannschaft.

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