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Solidarität im Sport – schaffen wir das?

Ein Kommentar von Jörg Hahn [GESELLSCHAFT | ALLGEMEIN]

Seit heute, es ist der 3. April 2020, werden Verstöße gegen die Corona-Verordnungen auch in Hessen streng geahndet. Demnach werden zum Beispiel 200 Euro Geldbuße erhoben, wenn jemand touristische, kulturelle oder sportliche Angebote wahrnimmt. Eine neue Dimension.

Knapp zehn Minuten brauche ich mit dem Fahrrad zu dem Reitstall im Süden Frankfurts, in dem meine ganze Familie und viele Freunde aktiv sind. Große Schilder sind dort aufgebaut: „Zutritt verboten“. Der Reitverein und die Reitschule sind seit Beginn der Corona-Maßnahmen in Not. Denn die Pferde müssen weiterhin artgerecht versorgt und betreut, also auch bewegt werden. Das ist Daseinsvorsorge, kein sportliches Angebot. Teilweise gehören die Tiere Privatpersonen, eine große Anzahl ist jedoch im Besitz der Reitschule. Die Kosten sind unverändert. Erträge aus Reitunterricht, Kinder-Ferienprogramm oder Veranstaltungen gibt es seit nun drei Wochen aber nicht mehr. Die ausgebildeten Reitlehrer sind ohne Einnahmen, die sie als Beitrag zu ihrem persönlichen Lebensunterhalt eigentlich brauchen. Finanzielle Patenschaften für die Schulpferde als Solidar-Aktion sind organisiert worden. Die Betreuung der Tiere findet mit einem personellen Notprogramm statt; es wird streng darauf geachtet, nicht gegen behördliche Auflagen und Empfehlungen der Reiterlichen Vereinigung (FN) zu verstoßen.

Solidarität in Zeiten großer Ansteckungsgefahr heißt: Alle stehen zusammen, indem jeder bei sich bleibt.

Bewusst habe ich den Text nicht mit den Themen Verlegung der Olympischen Spiele, Absage von anderen sportlichen Großveranstaltungen, Pause im Profi-Fußball begonnen, die aus sportlicher Sicht die Medien und die öffentliche Diskussion stark beherrscht haben und weiter bestimmen. In meinen Augen ist dabei oft der Begriff Solidarität in der Weise missbraucht worden, dass es vorrangig um die Frage ging, wer nun welchen finanziellen Schaden zu schultern habe, wie Mittel verteilt bzw. umverteilt werden. Das war allerdings eher eine Debatte über Störung der Geschäftsgrundlage nach BGB.

Keine Sportart, kein Verband, kein Verein, kein Aktiver, kein Veranstalter, niemand ist ausgenommen von den Verwerfungen. Der Ruf nach Förderpaketen, nach der sogenannten schnellen und unbürokratischen Hilfe in der Krise, steht allen und jedem zu. Aber ist Sport systemrelevant, ist es die Fußball-Bundesliga? Trägt sie tatsächlich zum Wohlbefinden bei, braucht sie also rasch die Genehmigung zu einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs, notfalls mit „Geisterspielen“? Oder muss nicht viel eher erst der Freizeit- und Amateursport mit Millionen von Aktiven aller Altersgruppen wieder in einen Regelbetrieb zurückkehren dürfen? Stichwort physische und psychische Gesundheit. Oder Schule und damit Schulsport? Und welche Massenveranstaltungen haben möglicherweise Vorrang, wenn es um behördliche Erlaubnis geht, wie verhalten sich Sport, Kultur, Unterhaltung, Tourismus, Volksfeste zueinander? Darf der FC Bayern spielen, wenn das Oktoberfest ausfällt? Fragen über Fragen, die auch immer wieder und nicht zuletzt den Aspekt der Solidarität berühren, nämlich den Punkt, dass wir nicht allein für uns selbst verantwortlich sind, sondern uns als Gesellschaft gegenseitig Hilfe und Unterstützung gewähren.

Und das ist nicht nur ein monetärer Beistand. Was Profisportler, Fans, Vereinsmitglieder in der ganzen Welt an kreativen, solidarischen Ideen entwickeln und verwirklichen – von Gehaltsverzicht und Spendenaufrufen über praktische Einkaufshilfen, die digitale Vernetzung unterschiedlichster Vereine und Sportarten zum Wissens- und Erfahrungsaustausch bis zum Verzicht auf Rückzahlungen von Beiträgen oder Eintrittsgeldern, ist bemerkenswert.

Es muss aber um sehr viel mehr gehen. Solidarität als Haltung, als Ausdruck von Verbundenheit sowie gemeinsamen Ideen, Werten und Zielen habe ich besonders erkannt in den weltweiten Forderungen der olympischen und paralympischen Athleten nach schneller Klarheit über die Austragung der Spiele von Tokio. Dass in der Causa zwei Parteien wohl auch aufgrund ihrer jeweiligen Traumata für eine Hängepartie sorgten – auf der einen Seite die Japaner, die schon 1940 die in Tokio geplanten Olympische Spiele zurückgeben mussten, auf der anderen Seite der vom Moskauer Boykott 1980 geprägte IOC-Präsident – ist bedauerlich, muss bei Betrachtung aller Umstände aber auch mit einem gewissen Verständnis gesehen werden. Die Auswirkungen aller Verlegungen dieses Sommers (bzw. dieses Jahres) werden noch lange Zeit die Sport-Welt beschäftigen; eine Diskussion über Überbelastung von Athleten durch dicht, nämlich Jahr für Jahr, aufeinanderfolgende Leistungshöhepunkte beispielsweise wird unausweichlich sein.

Wir nähern uns nach meiner Einschätzung gerade einem gefährlichen Punkt. Wenn Städter von der Landbevölkerung als Bedrohung empfunden und ausgesperrt werden; wenn Autos mit auswärtigen Kennzeichen in Tourismusregionen Argwohn, vielleicht sogar Aggressionen wecken; wenn Menschen denunziert werden, weil sie angeblich gegen staatliche Gebote und Verbote verstoßen; wenn neue Formen der Ansteckung zu beobachten sind – nach der medizinischen, die es zu stoppen gilt – , nämlich eine schwere Infektion der Volkswirtschaft und der gesamten von der  Aufhebung von Rechtsgrundsätzen betroffenen Gesellschaft, dann haben wir mehr und schwierigere Probleme als den Verzicht auf Fußballspiele.

Ein zur Untätigkeit verurteilter Sport kann nur bedingt mitarbeiten, leuchtende Signale der Solidarität, des Miteinanders und des Fairplay zu senden. Doch genau das braucht es jetzt, da wir alle irgendwie Ängste verspüren und in unterschiedlicher Art und Weise mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen haben, den finanziellen wie mit denen, die unsere Freiheit beschränken.

Der Frankfurter Philosoph Jürgen Werner hat diese Woche geschrieben: „Wir sind gleich vor dem Gesetz, vor dem Tod, vor Gott. Was eine ungleiche Behandlung von Aufgaben, Fragen, Problemen nicht ausschließt, sondern als deren Bedingung gilt. Sind wir aber auch gleich vor der Krankheit? Die Einteilung in Risikogruppen markiert nicht nur uneinheitliche Gewichtungen, die unmittelbar der fatalen Statistik folgen, sondern auch den Ausgangspunkt einer Selektion in bester Absicht fürs große Ganze, der Wirtschaft und Gesellschaft, die im Einzelfall höchst zweifelhaft ist.“

Für mich folgt daraus: Auch der Sport muss immer darauf achten, sich niemals, trotz des löblichen Willens zu retten, was zu retten ist, versehentlich anstecken zu lassen allein von Nützlichkeitserwägungen. Das wäre nicht nur unsolidarisch, das wäre fatal für alle.

 

Fotos: Jörg Hahn (Porträt), picture alliance / Zuma Press / Vanessa Carvalho

Jörg Hahn, Jahrgang 1961, bis 2012 F.A.Z.-Redakteur und dort Leiter der Sportredaktion, danach bis 2017 Kommunikationsdirektor der Deutschen Sporthilfe, seither freier Autor, Mediator und Berater, zur Zeit tätig für eine internationale Wirtschaftskanzlei

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