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„Sport und Bewegung sind derzeit in aller Munde“

Ein Interview mit Lars Gabrys, Professor für Gesundheitssport und Prävention an der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam (FHSMP), von Marco Dames. [GESUNDHEIT | BEWEGUNG | ALLGEMEIN | MENSCHEN]

Herr Prof. Gabrys, was kann Sport in Zeiten der Corona-Krise für den Einzelnen bewirken?

Wir wissen sehr genau um die vielen positiven Effekte von Sport und Bewegung. Das fängt bei den physiologischen Effekten wie der Gesunderhaltung von Muskeln, Knochen, Sehnen, Bändern und Gelenken an. Ebenso hat Bewegung positive Effekte auf Herz und Lunge, kurbelt den Stoffwechsel und regt den Energieverbrauch an.

Aber auch die psychischen Effekte sind wichtig, denn Sport und Bewegung können auch dabei helfen, den durch die soziale Isolation verursachten Stress besser zu bewältigen. Durch viele Studien ist belegt, dass Bewegung hilft Stress abzubauen und auch bei psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder bei depressiven Verstimmungen einen ähnlichen positiven Effekt hat wie herkömmliche Medikamente.

 

Lassen sich durch Sport und Bewegung Infektionskrankheiten vermeiden?

Wir können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einschätzen, inwieweit Sport und Bewegung dazu beitragen können, nicht an COVID-19 zu erkranken. Was wir aber definitiv wissen, ist, dass Sport und Bewegung grundsätzlich präventiv wirken, wenn es darum geht, das Immunsystem zu stärken und gegen Erkältungen oder grippale Infekte zu schützen.

Professor Lars Gabrys

Was passiert denn da im Körper, wenn man sagt: Sport stärkt das Immunsystem?

Für ein geringeres Infektionsrisiko ist entscheidend, dass Sport und Bewegung das Immunsystem stimulieren, vermehrt Abwehrzellen (sog. natürliche Killerzellen) zu bilden und so Krankheitserreger besser eliminiert werden können. Dieser schützende Effekt stellt sich übrigens schon binnen weniger Wochen ein, da unser Immunsystem ein schnell adaptierendes System darstellt.

Hilft Sport auch bei der Bewältigung eines grippalen Infekts?

Wenn man erkrankt ist, sollte man die Erkrankung zunächst ausheilen lassen und keinesfalls zu früh wieder mit intensivem Sport beginnen. Nach intensiver körperlicher Belastung ist das Immunsystem sogar kurzfristig anfälliger. Wenn man also zu früh wieder mit dem Sport beginnt, kann es passieren, dass sich der Genesungsprozess in die Länge zieht. Im schlimmsten Fall kann es sogar passieren, dass die Krankheitserreger das Herz befallen und sich eine gefährliche Herzmuskelentzündung entwickelt. Ich empfehle daher immer, dem Körper zunächst die nötige Ruhe zu gönnen, um sich erholen zu können. Umso schneller ist man die Erkrankung wieder los und kann danach kann wieder mit dem Sport loslegen. Gegen leichte Bewegung an der frischen Luft wie beispielsweise spazierengehen ist jedoch nichts einzuwenden, wenn man sich dazu in der Lage fühlt.

Werden wir Deutschen jetzt ein Volk der Dicken oder führt ein neuer Faible für Sport zu Hause dazu, dass wir sportlicher aus der Krise herauskommen, als wir es vorher waren?

Das einzuschätzen, ist in etwa wie in einer Glaskugel zu lesen. Zuallererst finde ich es bemerkenswert und sehr positiv, dass das Thema Sport und Bewegung derzeit in aller Munde ist und seine positiven Aspekte dabei weitestgehend auch richtig kommuniziert werden. Dazu gibt es viele Akteure, die mit viel Kreativität digitale Sportangebote für die Menschen zu Hause im Eiltempo geschaffen haben. Das ist natürlich auch ein wirtschaftlicher Aspekt, da die Vereine und andere Anbieter nicht ihre Mitglieder verlieren möchten. In meiner Familie machen wir zum Beispiel mit unserer dreijährigen Tochter jeden Tag Kitasport von Alba Berlin. Ihr macht es riesigen Spaß und wir kommen in Bewegung. Ich betreibe außerdem seit knapp 20 Jahren Taekwondo. Zwar hat die Kampfsportschule momentan zwangsläufig geschlossen – bietet nun aber drei Mal in der Woche ein Online-Training über eine Videoplattform an, bei dem ich live mittrainieren kann. Ich denke, dass es hier ähnlich ist wie mit anderen Angeboten auch. Diejenigen, die sowieso davon überzeugt sind, dass Sport und Bewegung gut für Sie ist, werden die neuen Angebote nutzen, vielleicht entwickeln sich auch neue Geschäftsmodelle daraus. Wer weiß. Inwieweit bisher inaktive und nicht bewegungsaffine Menschen durch einen solchen Trend erreichet werden, bleibt für mich fraglich. Es wäre allerdings zu hoffen!

Gibt es denn Studien dazu, wie sich eine Situation, wie wir sie jetzt erleben, auf die körperliche Fitness auswirkt?

Da wir eine ähnliche Situation so noch nicht hatten, ist mir so eine Studie auch nicht bekannt. Aber wir wissen natürlich aus zahlreichen anderen Studien, wie negativ sich körperliche Inaktivität auf die Gesundheit auswirkt. Und wir wissen auch, wie schnell das passiert. Wenn wir nur wenige Wochen nichts tun, bauen sich beispielsweise Organsysteme wie die Muskulatur sehr schnell ab – mit allen negativen Folgen. Wenn der Grundumsatz sinkt, die Kalorienzufuhr aber gleichbleibt, führt das kurz- bis mittelfristig dazu, dass Gewicht und Körperfettanteil steigen. Dies wiederum hat negative Auswirkungen auf unser Herz-Kreislauf-System, unseren Blutdruck, die Gefäßelastizität, den Stoffwechsel und den Glukosespiegel.

Wie wirkt sich eigentlich die Corona-Krise auf den Universitätsbetrieb und auf Ihre Professur aus?

Bis zum Start des Sommersemesters war ich, wie alle anderen Lehrkräfte, im Home-Office. Bis dahin lag der Fokus darauf, unsere Lerninhalte komplett zu digitalisieren. Eine Herausforderung, auch wenn wir diesbezüglich besser aufgestellt sind als reine Präsenz-Unis denke ich, da ein Teil unserer Lehre bei der FHSMP ohnehin im digitalen Raum stattfindet. Unseren Anwesenheitsunterricht setzen wir nun über Videokonferenz-Tools in digitalen virtuellen Klassenräumen um. Wenn Studierende exemplarische Trainingseinheiten demonstrieren müssen, nehmen sie vorab ein Video auf und wir sehen es uns in einem Stream gemeinsam im Kurs an und diskutieren darüber. Wir versuchen in jedem Fall für unsere Studierenden eine optimale Lernumgebung zu schaffen, sodass der Studienverlauf nicht gefährdet ist und sie ihren Abschluss wie geplant machen können.

Fotos:

Porträt Prof. Lars Gabrys: Björn Stelley / Visiondrops

Beitragsfoto: Caroline Seidel /dpa / picture alliance

Marco Dames ist Redakteur bei wirkhaus.berlin

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