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Über Wirkungen der Coronakrise auf  Verhalten und Emotionen

von Gunter Gebauer [GESELLSCHAFT | SPORTRÄUME]

Was machen die unter dem Druck der Coronakrise erzwungenen Veränderungen von Verhalten und Emotionen mit uns? Darüber nachzudenken, ist keine Kritik an den Maßnahmen der Regierung, die bisher von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung getragen werden, sondern richtet sich auf die Zeit danach, wenn die Einschränkungen aufgehoben werden. Können wir damit rechnen, dass wir dann die erworbenen Hemmungen unserer Bewegungen abwerfen und schnell in die alten Bahnen zurückfinden? Diese Hoffnung unterschätzt möglicherweise die Wirkungen der Verhaltensweisen, die wir in der Zwischenzeit freiwillig, aus Einsicht in die Notwendigkeit übernommen haben. Zu vermuten ist, dass die Kontakteinschränkungen zu erheblichen Veränderungen der Struktur unseres Gefühls und Bewegungslebens führen. Und dass sie gerade bei Sportaktivitäten spürbar werden.

1. Unsere aktuelle Situation kann mit einem Ausdruck der Psychologie als worrying gekennzeichnet werden, als eine Grundgefühl des Sich Ängstigens und Sich Sorgens. Unsere Befindlichkeit scheint auf einen Fragemodus eingestellt zu sein. Wenn wir auf der Straße, beim Einkaufen, beim Wandern im Wald oder Joggen im Park anderen Menschen begegnen, drängt sich uns die Frage auf: Ist der Andere ansteckend? Möglicherweise weiß er es selbst nicht und fühlt sich leichtsinnigerweise gesund. Und wir selbst, wissen wir von uns, ob wir das Virus nicht schon in uns haben? Beim Joggen weichen wir anderen Läufern beim Überholen und Entgegenkommen weiträumig aus, um jeden Kontakt zu vermeiden. Wenn sie in unseren Nahbereich eintreten, empfinden wir das als eine Verletzung unserer “Aura”, des Raums, der unseren Körper umgibt und schützt. Von dem Wahrnehmungspsychologen Alain Berthoz[1] wird der in unserer Kultur üblich Mindestabstand mit 60 – 80 cm angegeben. Jetzt werden zwei Meter verlangt. Wenn einer an der Supermarktkasse zu nahe an uns herantritt, werden wir nervös. Husten und Niesen in unserer Nähe empfinden wir, selbst mit Gesichtsmaske, als Aggression, ohne Mundschutz als Vergehen (die Flugweite der Aerosole beträgt bis über vier Meter). Händewaschen oder Desinfizieren nach Berührung von Gegenständen, die ein Anderer angefasst hat, wird zu einem inneren Befehl. Man zeigt keine Symptome irgendwelcher Art, fühlt sich bei bester Gesundheit und spürt doch böse Blicke auf sich gerichtet, wenn man sich auf Unbekannte zubewegt. Beim Betreten von Lebensmittelläden bremsen wir die eigenen Bewegungen automatisch ab und kommen weit vor den Kassen zum Stillstand. Personen, die dieses ‘Programm’ nicht verinnerlicht haben, lösen zumindest stumme moralische Verurteilungen aus.

Bekannte begrüßen wir mit einem Wedeln der Arme, das weniger Freude über die Begegnung als den dringen Wunsch ausdrückt, sie mögen uns mit ihrer Herzlichkeit vom Leibe bleiben. Tatsächlich wird im öffentlichen Raum, in dem früher ein freundlicher Austausch stattfand, heute ein social distancing ausgeübt – ein Begriff aus dem Wörterbuch des Verdachts und der Denunziation. Er bezeichnet die neue Fremdheitserfahrung, die zwischen uns und unsere ehemals guten Bekannten eingerichtet werden soll. Eine Fremdheit, die der Anfang von Feindseligkeit werden könnte, wenn der Andere unvorsichtigerweise unsere erweiterte Aura verletzen sollte. Der soziale Raum, der uns unmittelbar umgibt und der vorher für herzliche Begrüßungen mit Freunden offen stand, ist unsicher geworden. Bei Übungen im Park benötigen wir einen ausgedehnten Nahraum um uns herum, damit wir das Gefühl von Schutz haben. In dieser Gefühlsverfassung ist gemeinsames Sporttreiben nicht mehr möglich.

2. Mit den Verhaltensänderungen Anderen gegenüber verändern sich auch unsere Gefühle zu uns selbst: Erhöhte Kontrolle des Auftretens der eigenen Person im öffentlichen Raum drückt sich in demonstrativer Rücksicht auf Menschen aus, denen wir begegnen. In das eigene Verhalten haben wir eine reflexive Rückkoppelungsschleife eingebaut. Ihre ständige Aktivierung führt zu einem veränderten Selbst-Gefühl. Das bedeutet, die Beziehung zu sich selbst (dem Ich) und zum Handlungspartner (dem Du) verliert ihre gewöhnliche Sicherheit und Unbefangenheit. Sie wird ähnlich kompliziert und überreflektiert wie sonst nur bei Begegnungen mit schwierigen Personen. In unserer Krisenwahrnehmung sehen wir Kinder als Quellen von Beunruhigung; Jugendliche erscheinen uns als rücksichtslos. Die Beziehung zu den eigenen Enkeln gilt als Gefahrenherd ersten Ranges; jeder Kontakt mit ihnen ist strikt zu vermeiden. Als ebenso gefährlich werden alte Menschen wahrgenommen, allerdings aus anderen Gründen: weil sie ihr Verhalten nicht verändert und den neuen Normen angepasst haben oder es nicht ausreichend zu kontrollieren vermögen. Soziale Aktivitäten wie Sport in Gruppen, die zuvor Geselligkeit und Abwechslung verschafft haben, werden als Verstöße mit Geldstrafen geahndet, wie früher Saufgelage im Freien. Wenn wir alle Formen des Gemeinschaftslebens, die früher unser Leben strukturiert haben, meiden können und sicher nach Hause kommen, erleben wir unser Heim als einen vor Anderen geschützten Raum. Hier sind wir außerhalb der uns umgebenden Welt – in einer Situation, die an Franz Kafkas Erzählung “Der Bau” erinnert, in der er die unterirdische Lebensweise eine Tiers oder Menschen in seinem Tunnelsystem schildert.[2] Nur gelegentlich steckt das Lebewesen seinen Kopf aus der Erde heraus, nur um ihn gleich wieder ängstlich zurückzuziehen.

3. Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen haben wir bereits eine relativ lange Zeit den emotionalen Habitus des Sich Ängstigens eingeübt. Unser Verhalten wird allmählich Teil unseres praktischen Sinns, mit dem wir auf die Anforderung der Welt antworten (Pierre Bourdieu). Das Sich Ängstigen ist Körper gewordenes Gefühl, das unser soziales Verhalten formt und auf unser Inneres zurückwirkt. Es ist ein neuer Bestandteil unseres Habitus geworden, der unser In-der-Welt-Sein bestimmt.[3] Dieses Zusammenwirken von körperlichem Ausdruck und Verinnerlichung äußert sich in unserem Verhalten darin, dass es diesem die Sicherheit entzieht und uns an den eingespielten Interaktionen hindert – am dialogische Austausch von Ich und Du (Martin Buber). Der Andere ist nicht mehr mein selbstverständlicher Partner, den ich aber brauche, um mein eigenes Ich zu fühlen. Das wirkt sich in einer Veränderung meines Selbst-Gefühls aus. Der Andere, mein Partner, fehlt mir nicht nur – unsere dialogischen Beziehung, die wir besonders intensiv im Sport ausgespielt haben, gehört zum Fundament unserer personalen Identität.

4. Eine Folge dieser Veränderung ist der Rückzug in die Intimität der eigenen Person. Sporttreiben findet in solitären Läufen durch Parks statt, jeder für sich allein. Bevorzugter Rückzugsraum ist das Wohnzimmer, der Platz vor dem Fernseher, vor dem Kühlschrank oder zusammengekuschelt mit Handy und Laptop im Sessel. Alte Leute verlassen ihre Wohnung nicht mehr. Besuche bei Freunden sind nicht möglich, Treffen in der Öffentlichkeit sind untersagt. Mit Hannah Arendt sind diese Ich-bezogenen Positionen Ausdruck von “Weltlosigkeit”.[4] Symbolischer Ausdruck der Flucht in die Intimität der Selbst-Erfahrung ist die Wunsch nach dem Besitz von Toilettenpapier. In der japanischen Literatur gibt es einen berühmten Essay über die Toilette als Raum des Rückzugs in eine stilles, nur dem eigenen Ich zugängliches Selbst-Verhältnis.[5]

5. Die Coronakrise wird insbesondere von Ökonomen mit der Finanzkrise von 2008 verglichen. Es besteht Einigkeit, dass die aktuelle Krise gravierender ist als der Zusammenbruch der Finanzmärkte. Tatsächlich geht es in diesen Tagen nicht nur um eine Gefährdung der Weltwirtschaft, sondern um eine Erschütterung des Menschen und seiner Emotionen: Der eigene Körper durchlebt die Sorge um sein Leben; er hemmt seine Bewegungen und staut seine Gefühle. Man kann die Restrukturierung seines Verhaltens und Fühlens als Veränderung seines fundamentalen Koordinatenkreuzes beschreiben. Es ist dieses Orientierungssystems, das unserer Existenz bisher Halt gegeben hat. Ludwig Wittgenstein beschreibt sie als die Gewissheit unseres Verhältnisses zu unserer Umgebung, zu unserem Leben und uns selbst:[6] Sie ist das Fundament unserer regelhaften Teilnahme an der Gemeinschaft und des Verstehen unserer Person mit ihren Gefühlen. Was in diesen Monaten geschieht, ist die Einübung in ein anderes Bewegen und Fühlen, als wir es bisher gewohnt waren. Es ist nicht angebracht, die politisch gewollten Veränderungen als eine von der Abwehr der Pandemie hervorgerufene Gefahr darzustellen. Wichtig ist es jedoch, auf diese Veränderungen aufmerksam zu machen – sie sind tief in unserem Körper verankert worden, in unserem Gefühl der Welt und unserer selbst. Nach überstandener Krise können wir nicht fest darauf rechnen, dass wir schnell zu unseren früheren Gewissheiten und Gefühlen zurückfinden werden.

6. Unser verändertes Selbst-Gefühl ist von Emotionen bestimmt, die sich nicht einfach abschütteln lassen werden. Sie drücken sich in unserer Sprache aus und formen unsere Wahrnehmung. Aufschlussreich sind die Metaphern und Bilder, mit denen wir unser emotionales Erleben figurieren, d.h. welche Gestalt wir ihm verleihen: Die Coronakrise fegt “wie ein Tornado über uns hinweg”, sie ist wie “ein Tsunami”, der “über uns zusammenschlägt”. Wir fühlen eine “allgemeine Verwundbarkeit”,  weil wir alle von der Krankheit “getroffen” werden können. Sie ist ein “unsichtbarer Feind”; sie wirkt “heimtückisch”. Wir wissen nicht, ob sie unser Gegenüber “befallen” hat oder ob wir selbst schon “zur Masse der Infizierten” gehören. In dieser Situation des Nicht-Wissens haben wir “das Bedürfnis nach Schutz”. Die Metaphern und sprachlichen Bilder haben die Kraft, uns “gefangen zu halten”.[7]  Sie veranlassen uns, “einen Schlussstrich zu ziehen” unter alles, was wir seit 30, 40 Jahren gedacht haben. In dieser düsteren Landschaft müssen wir uns jetzt zurechtfinden und möglichst schnell einen Weg nach draußen suchen. Das ist gewiss möglich, aber dieser Prozess wird, Zeit dauern und viel Kraft kosten. Wir können nicht damit rechnen, dass wir die frühere Unbefangenheit unseres körperlichen Verhaltens, die Sorglosigkeit in unseren Sozialkontakten und die Freude an Sport und Spiel mit anderen Menschen sobald wiedergewinnen.

[1] Alain Berthoz: Le sens du mouvement. Paris 1997.

[2] Franz Kafka, “Der Bau”, in ders.: Die Erzählungen. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1996.

[3] Zu den Begriffen “praktischer Sinn” und “Habitus” siehe Beate Krais/Gunter Gebauer: Habitus. Bielefeld 2002.

[4] Siehe Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981.

[5] Jun’ichiro Tanizaki: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. 1933, dt. Zürich 1987.

[6] Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit, in ders.: Werkausgabe Bd. 8. Frankfurt a. M. 1989.

[7] Ludwig Wittgenstein spricht von der Faszination bestimmter Bilder wie von Obsessionen, in Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt a. M. 1984.

 

Fotos: Beitragsfoto – Picture Alliance / IPA, Porträt G. Gebauer – Picture Allliance / Sven Simon

Gunter Gebauer ist Sportwissenschaftler, Philosoph und Linguist. Er war Professor an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der Soziologie des Sports.

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