Max Hoff
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Eine Herzensentscheidung

von Max Hoff (37), Olympiasieger 2016 im Kanu-Rennsport [SPORTHILFE ‘gold’]

Es war alles angerichtet. Gemeinsam mit meinem Partner im K2, Jacob Schopf, hatte ich Kurs auf die Olympischen Spiele genommen und mit dem Selbstvertrauen als amtierender Weltmeister auch gute Chancen, mich für die Olympischen Spiele in Tokio zu qualifizieren. Meine insgesamt vierte Teilnahme sollte das letzte Highlight meiner sportlichen Karriere werden, am liebsten noch einmal gekrönt mit einer Medaille. Im Anschluss an die Spiele sollte es dann im Beruf richtig losgehen. Ich hatte ein Jobangebot von Orthomol, einem Unternehmen für Nahrungsergänzungsmittel. Die letzten eineinhalb Jahre habe ich dort als eine Art Trainee verschiedene Abteilungen durchlaufen und die Möglichkeit gehabt, viel zu lernen. Denn mit Biologie und BWL habe ich zwar zwei Studiengänge abgeschlossen, aber das ist ja nur die Grundlage, um darauf beruflich aufzubauen. Ich habe in unterschiedliche Projekte reingeschnuppert, wann immer es die Zeit neben dem Leistungssport zuließ, es war optimal.

Und dann kam das Virus und damit die Verschiebung der Olympischen Spiele. Für mich stellte das alles auf den Kopf. Der Plan, den ich mir zurechtgelegt hatte, funktioniert vom einen auf den anderen Tag nicht mehr. Denn eines war klar: Mein zukünftiger Arbeitgeber würde keine zwölf Monate auf mich warten können, die Stell würde eher morgen als übermorgen besetzt werden müssen. Sollte ich also meine über zwanzigjährige Leistungssportkarriere von heute auf morgen beenden? Schon 2016 nach den Spielen in Rio hatte ich mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören, aber dann ziemlich schnell gemerkt, dass ich noch viel zu sehr mit dem Herzen dabei bin und wahnsinnig viel „Bock“ auf den Sport habe. Und das hat bis heute angehalten. Auf der anderen Seite hatte ich eine feste Jobzusage, eine für mich perfekte berufliche Einstiegschance. Mit 37 Jahren bin ich ohnehin schon spät dran. Ich muss gestehen, vor dem Schritt raus aus dem Leistungssport, rein ins Berufsleben, habe ich höllischen Respekt, da ich dort meinen Platz erst finden muss. Sollte ich also den Weg des sicheren Berufseinstiegs wählen?

Ich habe lange mit mir gerungen und mich letztendlich für mein Herz entschieden. Und das trotz des Risikos, dass die Spiele vielleicht noch komplett abgesagt werden. Ich habe aber fünf oder sechs Wochen gebraucht, um mich wieder zu fokussieren und zu sagen: Egal was kommt, jetzt mache ich das Beste draus. Ich werde mich das Jahr fit halten und Wettkämpfe so gut es geht simulieren, auch ein Höhepunkt im August ist geplant, um den Körper im jährlichen Rhythmus zu behalten. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wer am besten mit der Situation umgegangen ist, wer solide und professionell weitergemacht hat. Nur der wird erfolgreich sein, Rumheulen bringt nichts.

Geholfen hat mir bei der Entscheidung auch die Unterstützung durch die Deutsche Sporthilfe, die ElitePlus-Förderung ist für mich extrem wichtig. Ob meine kleineren privaten Unterstützer weitermachen können, ist noch offen. Aber ich nehme die momentane Situation so wahr, dass die Menschen etwas näher und verständnisvoller aneinandergerückt sind. Niemand lässt einen ohne Grund fallen. Und wir sind auf Unterstützer angewiesen, damit unser Job und das, wovon wir leben, finanziert werden kann. Ja, wir betreiben den Sport in erster Linie für uns, aber ein Stück weit auch für die Gesellschaft. Und das ist eine Verantwortung, in der ich momentan alle Beteiligten sehe. Wenn wir keine Unterstützung mehr erhalten, wissen wir nicht, wie es weitergehen kann. Es ist ja nicht so, dass wir hochdotierte Verträge haben, bei denen man mal auf ein paar tausend Euro verzichten kann.

Nachdem meine Entscheidung gefallen war, ging es mir besser. Und doch habe ich auch jetzt noch ganz viele Fragezeichen und Unsicherheiten im Kopf. Ich hatte mir ein zweites Standbein aufgebaut, das mir für die Zeit nach dem Sport Sicherheit gegeben hat. Neben dem Sport hatte ich eine Aufgabe, die ich brauchte, um vom Kopf her frei zu sein und den Sport genießen zu können. Ich war erfolgreich, weil ich wusste, das ist der Weg, den ich weitergehen kann. Nochmal ein Jahr komplett reiner Profisportler zu sein, möchte ich mir im Alter von 38 Jahren nicht mehr leisten. Ich werde mir für die kommenden Monate etwas Neues suchen müssen, um beruflich nicht stehen zu bleiben. Schön wäre es natürlich, wenn sich mit Orthomol noch eine Lösung für ein weiteres Jahr ergeben würde. Das ist die wesentliche Baustelle, die ich regeln muss. Allerdings lässt die allgemeine wirtschaftliche Lage natürlich nur schwer einschätzen, ob man nächstes Jahr überhaupt wieder Angebote bekommt. Aber trotz allem bin ich auch optimistisch, da ich ganz gut vernetzt bin, nicht zuletzt über die Deutsche Sporthilfe.

Beitragsfoto: Ute Freise, Picture Alliance / dpa

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