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“Es geht darum, die Ziele aufzugliedern, und in den Alltag einzubauen.”

Ein Interview von Julia Nikoleit. [RINGE | MENSCHEN]

Olympisches Feuer: Herr Gretz, die Olympischen Spiele 2020 wurden aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt – und damit fiel der Saisonhöhepunkt aus. Wie meistern Spitzensportler so eine Situation?

Markus Gretz: Das ist von Sportler zu Sportler unterschiedlich – je nachdem, in welchem Karrierestadium er sich gerade befindet. Für Sportler am Ende ihrer Karriere, für die Olympia der Höhepunkt der ganzen Laufbahn gewesen wäre, fiel natürlich ein ganz großer Part weg. Für sie stellt sich die Frage, ob sie die Karriere um ein Jahr verlängern – mit allen Auswirkungen, die über den Sport hinausgehen wie die Familienplanung und die berufliche Entwicklung.

Jüngere Sportler freuen sich hingegen vielleicht sogar, weil sie ein Jahr länger Zeit haben, um sich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Ich betreue beispielsweise einen Sportler, der dieses Jahr noch nicht dabei gewesen wäre und nun hofft, die Olympia-Qualifikation im nächsten Jahr zu schaffen.

Allerdings stellt sich für junge Athleten auch die Frage, ob sie ihre Form über ein Jahr halten können. Das kann durchaus eine zusätzliche Belastung sein. Unabhängig vom Alter betrachtet wurden viele Sportler von der Olympia-Absage natürlich aber erst einmal vor den Kopf gestoßen.

Olympisches Feuer: Viele Sportler, gerade aus den vermeintlichen „Nischensportarten“, sind von Fördergeldern abhängig; zudem hängen auch Studien- und Karriereplanungen am Sport. Welche Belastung stellt es aus psychischer Sicht für die sportliche Karriere dar, wenn diese Pläne nun hinfällig sind?

Markus Gretz: Die Sportler, die andere Verpflichtungen haben, müssen natürlich ein Jahr länger schauen, wie sie sich finanzieren können. Manche haben es ja genauso geplant, dass sie im Olympiajahr bewusst weniger im Studium machen wollten – und jetzt mussten sie den ganzen Plan umstoßen. In dieser Situation wäre es sinnvoll, sich noch einmal in Ruhe hinzusetzen und strukturiert zu planen, wie man sein Leben finanziell regelt und wie sich das Training mit Beruf oder Studium in Verbindung bringen lässt.

Olympisches Feuer: Lässt sich aus sportpsychologischer Sicht eine pauschale Aussage treffen, was in dieser Situation unter mentalen Gesichtspunkten wichtig ist?

Markus Gretz: Es ist am wichtigsten, sich strukturiert neue Ziele zu setzen und das Jahr einzeln und in kleinen Schritten durchzuplanen. Das große Olympia-Ziel über das ganze Jahr zu ziehen, ist nicht sinnvoll – stattdessen sollte man sich kleinere Prozessziele setzen.

Olympisches Feuer: Wie können Sportpsychologen in so einer Situation konkret unterstützen?

Markus Gretz: Als Sportpsychologe kann man den Sportler begleiten und Tipps geben, wie man die Ziele am besten setzt. Es geht darum, die Ziele aufzugliedern, und in den Alltag einzubauen. Für mich ist es zudem immer wichtig, die Ziele mit Emotionen zu verknüpfen – und sich auch für kleine Prozessziele zu belohnen.

Wenn ein Sportler beispielsweise eine festgelegte Anzahl an Trainingseinheiten mit einer bestimmten Intensität in der Woche schafft, wäre ein schönes Abendessen am Wochenende eine mögliche Belohnung – oder einen Abend ohne schlechtes Gewissen PlayStation spielen (schmunzelt).

Olympisches Feuer: Glauben Sie, dass es für Sportler in diesen unsicheren Zeiten noch einmal neue Bedeutung gewinnt, mit einem Psychologen zu arbeiten?

Markus Gretz: Ab einem gewissen Level haben die meisten Sportler ohnehin eine sportpsychologische Betreuung und greifen darauf nach Bedarf zurück. Ich denke jedoch schon, dass viele Sportler die Arbeit in den letzten Monaten intensiviert haben, weil es einfach generell eine größere Unsicherheit gab bzw. sie ohne Wettkämpfe die Zeit gefunden haben, sich damit verstärkt zu beschäftigen.

Viele Menschen in der Gesellschaft haben in den vergangenen Monaten den Raum für Dinge gefunden, für die sie sonst keine Zeit hatten. Diese Mehr-Zeit wurde oft nicht nur negativ empfunden, sondern es gelang oft, positive Aspekte aus der Situation zu ziehen.

Olympisches Feuer: Ob die Olympischen Spiele 2021 wirklich stattfinden können, bleibt weiterhin fraglich. Welche Auswirkungen hat diese Unsicherheit auf das Training?

Markus Gretz: Den größten Effekt wird die Unsicherheit auf die Motivation haben. Wenn etwas unsicher ist, schafft man es meistens nicht, sich zu hundert Prozent darauf einzulassen. Zudem gilt: Je näher ein Ereignis rückt, umso höher ist die Motivation, dafür zu arbeiten – das kennen wir alle von Prüfungen. Je weiter entfernt ein Ziel jedoch noch ist, desto schwieriger ist es, die Motivation zu finden. Deswegen ist es so wichtig, sich kurzfristige Ziele zu setzen und sein Jahr entsprechend zu planen. Jeder Sportler sollte sich auf sich konzentrieren und nicht nur auf das große Ziel Olympia.

Olympisches Feuer: Der Traum von Olympia ist jedoch ein entscheidender Antrieb für viele Athleten, oder?

Markus Gretz: Es ist ohne Zweifel wichtig, einen großen Traum oder ein großes Ziel im Hintergrund zu haben. Dennoch sollte man seinen Alltag in kleine Etappenziele untergliedern – und diese Etappenziele einfach eins nach dem anderen bestreiten. So bleibt man im Moment und kann das Training besser gestalten.

Olympisches Feuer: Wäre das auch ein Tipp, den Sie Sportlern pauschal geben könnten?

Markus Gretz: Ja. Es lohnt sich, sich Etappenziele zu setzen und so einen Schritt nach dem anderen auf dem Weg zum großen Traum von der Olympiateilnahme zu gehen. Man kann sich diesen Traum natürlich gerne visualisieren – beispielsweise mit einem Bild an der Wand -, aber darunter sollte man seine Etappen auf einem Zeitstrahl eintragen und sich so verdeutlichen, wann man wie weit sein will, um in einem Jahr die Topform zu haben.

Wenn die Teilnahme zeitlich noch so weit weg ist, ist es enorm wichtig, sich immer wieder zu motivieren. Außerdem sollte man überlegen, das gebe ich Sportlern auch gerne mit, inwiefern man die Unsicherheit als Chance für sich sehen kann, um etwas zu verändern. Es steht anfangs nicht fest, ob eine Phase der Unsicherheit positiv oder negativ verläuft – das hat man in der eigenen Hand!

Julia Nikoleit (Jahrgang 1991) ist freie Sportjournalistin und Autorin aus Hamburg. Neben ihrer Tätigkeit im Reporter- und Dienstleister-Netzwerk Medienmannschaft ist der Handball ihr Spezialgebiet. Nikoleit schreibt unter anderem für das Fachportal handball-world sowie die Handballwoche. 

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