Sgraffito von Lois Gruber im Treppenhaus des Turnflügels.
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Was versteht man eigentlich unter „Nazi-Kunst“?

von Volker Kluge [ALLGEMEIN | GESELLSCHAFT | HISTORIE | RINGE]

Können die Statuen im Berliner Olympiapark pauschal als „Nazi-Kunst“ bezeichnet werden, weil sie im „Dritten Reich“ entstanden und mehrere ihrer Schöpfer der NSDAP angehörten? Karl Albiker und Adolf Wamper, der die Flachreliefs der Eingangspfeiler der heutigen Waldbühne schuf, waren Mitglieder seit 1933, Josef Wackerle ab 1934, Willy Meller und Arno Breker jeweils seit 1937.

Doch ihr Können verdankten sie nicht Hitler.

Sie hatten in München, Düsseldorf, Paris, Dresden, Rom oder Florenz studiert, und sie waren Jünger von Adolf von Hildebrand, manche Schüler von Louis Tuaillon oder August Gaul. Ihr Auskommen verdienten sie sich in der Weimarer Republik oft mit Denkmälern für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Einige von ihnen – vor allem Georg Kolbe – waren Vertreter der Moderne, die erst mit Beginn der 1930er-Jahre einem internationalen Trend folgten – einem monumentalen Klassizismus.

Protzige Herkuleskörper aus Stein, Marmor oder Bronze findet man deshalb nicht nur in Berlin und Rom, sondern auch zwischen Amsterdam, Athen und anderswo. Wer ein Fußball-Bundesligaspiel von RB Leipzig besucht, kommt am Eingang des 1956 eröffneten Zentralstadions nicht um eine Begegnung mit zwei Figurengruppen herum. Die eine – „Ballspieler und Diskuswerfer“ – schuf Wilhelm Landgraf, der bei Albiker gelernt hatte.

Und wie sind die 7,6 Meter hohen, zehn Tonnen schweren Bodys einzuordnen, mit denen US-amerikanische Bildhauer Robert Graham 1984 in Los Angeles die „Olympic Gateway“ krönte? Für die monumentale Pforte des Memorial Coliseums, in dem es – wie in Berlin – auch eine Gedenkhalle für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten gibt, wurde der Künstler in den Medien wegen seiner „Rückkehr zu figurativen Skulpturen nach 50 Jahren“ gefeiert. Kritik und witzige Anspielungen gab es nur wegen der Köpfe, genauer gesagt: wegen ihres Fehlens.

Olympic Park in Los Angeles Blaupause für Berliner Reichssportfeld

Der ab 1921 entstandene Olympic Park von Los Angeles diente den March-Brüdern als Blaupause für das Reichssportfeld, wie der Berliner Olympiapark bis 1945 hieß. Die Bezeichnung „Adolf-Hitler-Feld“, die Reichsinnenminister Frick 1934 vorgeschlagen hatte, wurde von Hitler ebenso abgelehnt wie die Namen „Deutsche Kampfbahn“ für das Olympiastadion und „Führerturm“ für den Glockenturm – wahrscheinlich aus taktischen Gründen, um das Ausland nicht zu verprellen.

 

„Olympic Gateway“ von Robert Graham am Eingang des Memorial Coliseums in Los Angeles, wo 1984 die Olympischen Spiele stattfanden.

Das Reichssportfeld wurde das erste und im Übrigen einzige vollendete architektonische Großprojekt des „Dritten Reiches“. Insofern war es richtungsweisend. Es unterschied sich aber von Nachfolgebauten wie auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände, weil die baukünstlerischen Vorhaben ausgeschrieben und die Vergabe von Aufträgen durch Preisgerichte entschieden wurde. Zwar mussten diejenigen, die sich darum bemühten, Mitglieder der jeweiligen Reichskammer sein, doch diesen gehörten damals auch noch jüdische Künstler und Vertreter moderner Stilrichtungen an.

Wie in den Sitzungsprotokollen nachlesbar, wurden die eingereichten Entwürfe im Kunstausschuss intensiv diskutiert. Mehrfach gab es Änderungswünsche, und auch ein Breker musste es sich gefallen lassen, dass die strammen Schenkel seiner Frauenfigur und beim Zehnkämpfer der Faltenwurf des Handtuchs kritisiert wurden. Für ihn waren das Nörgeleien, die er ignorierte, was auch ein Hinweis darauf ist, dass von einer „befohlenen Ästhetik“, die der Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann 1992 in seinem Buch „Mythos Olympia. Autonomie und Unterwerfung von Sport und Kultur“ entdeckt haben wollte, zumindest damals noch keine Rede sein konnte.

Max Schmeling stand Modell

Dass Hitler und Goebbels zu jener Zeit den Kunstbetrieb noch nicht vollständig reglementieren konnten, zeigte auch die Beteiligung von Ludwig Gies (1887-1966), dessen unkonventionelles Gefallenendenkmal im Lübecker Dom einen der größten Kunstskandale der Weimarer Republik ausgelöst hatte. Obwohl man ihn 1933 zum Austritt aus der Kunstakademie gezwungen hatte, bewarb er sich mit einem Sgraffito-Gemälde für den Turnflügel im Sportforum, der aber nicht berücksichtigt wurde. Dennoch ging er nicht leer aus: Er erhielt den Auftrag, einen Reichsadler für Marchs Kuppelsaal im Haus des Deutschen Sports zu gestalten.

Ähnliches lässt sich über Professor Waldemar Raemisch (1888-1955) sagen, der das offizielle Emblem der 1936er-Spiele, den Olympia-Orden und die Adlersäulen im Sportforum entwarf. Danach setzte man ihn vor die Tür, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Raemisch emigrierte 1939 in den USA, wo ihm eine zweite Karriere gelang, die August Babberger (1885-1936) versagt blieb. Dieser kehrte kurzzeitig aus seinem Schweizer Asyl nach Berlin zurück, um ein Putzmosaik im Schwimmhaus anzufertigen. Er starb wenige Tage nach den Olympischen Spielen, so dass es ihm erspart blieb mitzuerleben, wie drei seiner Werke als „entartet“ eingestuft wurden.

Solche Künstler haben eine gerechte Beurteilung verdient, und selbst über Josef Thorak (1883-1952) gibt es weit mehr zu sagen, als das üblicherweise geschieht. An seine Einbeziehung war bis 1935 nicht einmal gedacht, da er im Ruf stand, ein „Kommunisten- und Judenfreund“ zu sein. Die Vorbehalte verschwanden, als der Kunstausschuss-Vorsitzende, Staatssekretär Hans Pfundtner, aus der Reichskanzlei den Wink erhielt, dass der „Führer“ sich für Thoraks Werk begeistert hatte und mit ihm Großes plante.

 

Der „Faustkämpfer“ von Josef Thorak im Berliner Olympiapark.

Aus einer Statuette, für die Boxweltmeister Max Schmeling – in Bad Saarow Thoraks Nachbar – 1932 Modell gestanden hatte, entstand auftragsgemäß ein bronzenes Monstrum namens „Faustkämpfer“ für das Reichssportfeld. Die Kosten – 10.000 Reichsmark – ließ Hitler aus seiner Stiftung bezahlen. Damals wurde die 3,75 Meter hohe Figur auf dem Anger am Schwimmstadion platziert. Nach Kriegsende missfiel sie den Briten, weshalb sie Schmeling, der in Kreta gegen sie gekämpft hatte, hinter einen Geräteschuppen verbannten.

Nazis forderten den “schönen Mensch”

Wie Pfundtner im Kunstausschuss mehrfach betont hatte, sollten die endgültigen Entwürfe der Künstler erst dann realisiert werden, wenn sie von Hitler gebilligt worden waren. Ob man tatsächlich so verfuhr, ist ebenso unbekannt wie die Kriterien, nach denen Hitler solche Werke beurteilt haben könnte. Belegt ist allerdings, dass anders als sein Chefideologe Alfred Rosenberg, der die Überlegenheit der „nordisch-germanischen Rasse“ uneingeschränkt verkünden ließ, Hitler die alten Griechen zu „unseren Vorfahren“ erklärt hatte. Sie waren für ihn auch wegen ihrer Kunstwerke die „richtigen“ Germanen.

Bis zu den Olympischen Spielen waren sich also die Nazis noch keineswegs einig, welcher Kunststil offiziell erwünscht war. Verlangt wurde ganz allgemein der „schöne Mensch“, wie er auch im Olympiafilm von Leni Riefenstahl zu sehen war. Das Ziel ihrer „Hymne auf die Kraft und Schönheit des Menschen“, so die Regisseurin, war die „Sichtbarmachung des gesunden Geistes im gesunden Körper“.

Ein dummer, eitler Spruch, den schon der Römer Juvenal in seiner zehnten Satire verspottet hatte und der nach NS-Logik bedeutete, dass man alles andere, was nicht „schön“ war, wegsperren und sogar vernichten konnte. Kaum waren die Olympischen Spiele vorüber, legten die Nazis die Karten auf den Tisch. Am 18. Juli 1937 eröffnete Hitler in München die „Große Deutsche Kunstausstellung“, wo die „wahre deutsche Kunst“ gezeigt wurde – eine Mixtur aus heroischen Plastiken, Bildnissen prominenter NS-Führer, pseudoromantischen Bauerndarstellungen und anderer Idylle. In seiner Rede kündigte Hitler einen „Säuberungskrieg“ an, der bereits am nächsten Tag begann. Auf der anderen Seite des Hofgartens öffnete nun die Ausstellung „Entartete Kunst“. Manche Künstler, darunter auch solche, die sich bereits dem erwünschten Stil angepasst hatten, waren an beiden Plätzen vertreten.

Beitragsfoto: Sgraffito von Lois Gruber im Treppenhaus des Turnflügels.

Fotos: Peter Frenkel (Sgraffito und Faustkämpfer), Volker Kluge (“Olympic Gateway” und Autor)

Volker Kluge, Diplom-Journalist, Berichterstatter von 18 Olympischen Spielen, freier Publizist und Buchautor. Seit 2008 Mitglied des Exekutivkomitees der International Society of Olympic Historians (ISOH); seit 2012 Herausgeber und Chefredakteur des Journal of Olympic History; ISOH Lifetime Award 2008.

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