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Ein Lebenstraum geht in Erfüllung

von Julia Nikoleit [RINGE | MENSCHEN]

Als er erfuhr, dass sein großer Lebenstraum wahr wird, saß Robert Schulze im Büro. In einer kurzen E-Mail teilte der Handball-Weltverband IHF Schulze und seinem Gespannpartner Tobias Tönnies die Nominierung für die Olympischen Spiele in Tokio mit. „Nachdem ich diese E-Mail gelesen habe, habe ich mir erst einmal einen Kaffee gemacht“, erinnert sich der Magdeburger mit einem Schmunzeln.

Auch bei Tönnies („Ich habe im Garten gearbeitet und zwischendurch auf das Handy geschaut.“) war der lang ersehnte Moment überraschend unspektakulär. „Als die Nominierung kam, war das natürlich der Hammer, aber es war jetzt nicht der unglaubliche Wow-Effekt“, beschreibt er. Das lag vielleicht auch daran, dass dem Duo gar keine Zeit zum Genießen blieb, denn die Nachricht kam mitten in der heißen Phase der Bundesligasaison. Nur wenige Tage später standen Schulze/Tönnies bei der Partie Füchse Berlin gegen Frisch Auf Göppingen wieder auf dem Feld.

„Du kriegst die E-Mail, freust dich und bist stolz drauf – und kriegst im nächsten Moment die nächste Ansetzung in der Bundesliga, wo du abliefern musst“, fasst Schulze zusammen. „Daher hatten wir keine Zeit, uns wirklich mit der Freude zu beschäftigen, denn gedanklich waren wir sofort bei der nächsten Aufgabe.“

Robert Schulze (links) und Tobias Tönnies

Eine Atempause blieb dem Duo auch in den folgenden Wochen nicht – zwischen ihrem letzten Einsatz in der Bundesliga und dem Abflug nach Tokio lagen gerade einmal drei Wochen – drei Wochen, die von der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele geprägt waren. Im Hinterkopf hatten die beiden Schiedsrichter das Turnier in Japan jedoch auch schon vorher. „Jedes Bundesligaspiel war für uns wichtig, um auch bei Olympia gut zu performen“, fasst Schulze den Druck zusammen. „Die Vorfreude ist da, aber richtig werden wir es erst realisieren, wenn wir Olympia erlebt haben und zurückgekehrt sind“, glaubt auch Tönnies. „Wir werden es danach genießen.“

Einmal bei den Olympischen Spielen zu pfeifen: Das war das große Ziel der beiden Kindheitsfreunde, seit ihnen Frank Lemme und Bernd Ullrich, über lange Jahre das Top-Gespann des Deutschen Handballbundes (DHB), von ihrem Einsatz bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen berichteten. „Damals waren wir noch im Nachwuchskader und haben das erste Mal wirklich mitbekommen, welches Riesen-Ereignis Olympia auch als Schiedsrichter ist“, erinnert sich Tönnies.

So wurde der Traum von Olympia zum Klebstoff einer Karriere, die eigentlich eher zufällig begonnen hatte: Als Jugendlicher entdeckte zunächst Schulze das Pfeifen für sich. Vor einem Jugendspiel meldete sich sein erster Partner erkrankt ab. „Der Schiedsrichter-Ansetzer fragte mich, ob ich jemanden kenne, der mit mir pfeifen kann und ich habe einfach ja gesagt“, grinst der heute 36-Jährige. „Erst danach habe ich Tobias angerufen – und seitdem bin ich ihn nicht mehr losgeworden.“

Eigentlich sollte sein Einsatz an der Pfeife damals eine Ausnahme sein, doch gemeinsam mit seinem langjährigen Kumpel blieb auch Tönnies der Schiedsrichterei treu – und es stellte sich heraus, dass die beiden Freunde Talent mitbrachten. So folgte ein schneller Aufstieg: 2007 leiteten sie ihr erstes Spiel in der 1. Bundesliga, 2012 folgte der erste Einsatz in der Champions League, dann rief der Weltverband.

Heute sind Schulze/Tönnies das Top-Gespann des Deutschen Handballbundes – und verbringen mehr Zeit denn je miteinander. Allein 2019 waren die beiden Magdeburger zusammengerechnet rund drei Monate unterwegs. „Das ist wie eine lebenslange Ehe“, scherzt Tönnies, während Schulze frotzelt: „Schiedsrichterei ist Paartherapie höchsten Grades.“ Da sie beide grundverschiedene Typen sind, ergänzen sich Stärken und Schwächen: Schulze ist eher der kommunikative Typ, der auf Menschen zugeht, Tönnies der ruhige Pol im Gespann.

Dass sie sich so akzeptieren, wie sie sind, ist für das Duo das Geheimnis hinter der engen Freundschaft. Natürlich geraten auch die beiden Magdeburger mal aneinander: „Wenn wir uns in den Haaren hatten, schweigen wir uns nach einem Spiel auch mal vier Stunden im Auto an“, grinst Tönnies. „Aber dann ist es auch schnell wieder vergessen.“

In Tokio treten die beiden Magdeburger nun in die Fußstapfen von deutschen Spitzenschiedsrichtern wie Lemme/Ullrich oder Lars Geipel und Marcus Helbig, die bei den beiden letzten Olympischen Spielen 2012 und 2016 dabei waren. „Diese Nominierung ist ein Mega-Gefühl“, freut sich Schulze, der jedoch auch betont: „Die Verantwortung, Deutschland als Schiedsrichter bei den Olympischen Spielen vertreten zu dürfen, macht uns stolz, bedeutet aber natürlich auch, dass wir abliefern müssen.“

Insgesamt 16 Gespanne nominierte der Weltverband für das Olympische Handball-Turnier – darunter neben Schulze/Tönnies auch noch fünf weitere Schiedsrichter-Teams, die erstmals dabei sind. Wie bereits die Weltmeisterschaft im Januar wird auch dieses Großturnier von den Corona-Schutzmaßnahmen geprägt werden. Für die Schiedsrichter stehen tägliche Tests an, der Bewegungsradius wird nach aktuellem Stand auf das Hotel sowie Spiel- und Trainingshalle beschränkt sein. Bei der WM in Ägypten vertrieb sich das Duo neben den täglichen Meetings und Fitnesseinheiten die Zeit an der PlayStation, die auch für die Reise nach Tokio gezwungenermaßen wieder eingepackt wurde.

„Man erwartet von Olympischen Spiele ein weltweites Spitzensporttreffen – mit den Top-Athleten aus verschiedensten Sportarten in einer Stadt und der Möglichkeit, sich neben den eigenen sportlichen Herausforderungen auch andere Sportarten anzuschauen“, bedauert Schulze die Einschränkungen. „Wir hatten gehofft, das Event-Gefühl selbst mitzuerleben, welches wir bisher nur von Bildern oder Erzählungen kennen.“ Obwohl es dazu voraussichtlich nicht kommen dürfte, wollen sich die Magdeburger die Freude über den Meilenstein nicht nehmen lassen. „All die Arbeit und alles, was wir investiert haben, zahlt sich jetzt aus“, unterstreicht Tönnies und strahlt: „Etwas Größeres gibt es im Sportlerleben nicht.“

Fotos: Beitragsfoto: picture alliance / foto2press | Oliver Zimmermann| Text: privat

Julia Nikoleit ist freie Sportjournalistin und Autorin aus Hamburg. Neben ihrer Tätigkeit im Reporter- und Dienstleister-Netzwerk Medienmannschaft ist der Handball ihr Spezialgebiet. Nikoleit schreibt unter anderem für das Fachportal handball-world und die Handballwoche. Für sportfrauen.net hat Julia Nikoleit ebenfalls schon Texte verfasst.

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